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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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615
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Klingers biblische Darstellungen. Angriffe der Theologen. 615

Heilige zu verhöhnen. Das wäre ein sehr gemeines Unterfangen,ans das sehr schwere gerichtliche Strafen stehen. Es mußte sichHölscher alfo wohl klar sein, daß er eine schwere Beleidigungaussprach.

Das, was Hölscher zunächst abschreckt, ist die Karikatur. Ersieht, daß hier mit Absicht ein Schönes anders, als er es kennt,nach seiner Ansicht also ein Häßliches gebildet ist. Anch er sieht,daß hier nicht das Unvermögen entschied, sondern der künstlerischeWille. Darüber, daß Hölscher im Besitze der Schönheit sei, daß erwisse wie sie auszusehen habe, ist er außer Zweifel. Denn er hatvielerlei gesehen, was andere Künstler schufen und hat das Schönstevon all dem sich gemerkt. Wenn also einer in der Welt etwasanders erstrebt, wie Hölscher es wünscht, wenn dieser namentlich sieht,daß es absichtlich anders ist, dann ist es häßlich; ja dann ist esabsichtlich, ruchlos häßlich. Nuu aber ist Hölscher Geistlicher, hatdie Pflicht über seine Christengemeinde wachen zu helfen. Da kommtnun ein Maler und malt die Kreuzigung, also ein Stück biblischerGeschichte, so, wie Hölscher sie nach bestem Wissen für häßlich er-klären muß. Das Häßliche aber ist ärgerlich, also muß er gegendas Häßliche das sich an das Heilige drängt im Sinn der Seelsorgekämpfen. Das etwa ist der Gedankengang, der diese harten An-griffe erklärt.

Der Geistliche vergißt eben, daß nicht sein christliches Empfinden,sondern sein ästhetisches Empfinden beleidigt wurde. Es ist nichtsUnchristliches in dem Bilde, sondern er findet nur das Christlichehäßlich, also unwürdig dargestellt. Ich wüßte nicht, daß das Bildeinen dogmatischen Irrtum enthielte, dem die lutherische Kirche ent-gegenzutreten habe. Klinger suchte eineu Christns zu schaffen, wieer in ihm lebt; er trachtet ihn nach den in ihm wirkenden Vor-stellungen zu gestalten. Er sucht diese Vorstellung zu einem ernstenBilde zu reifen, in das er hineinlegt, was ihm an Kraft gegebenist. Hölscher hat andere Anschauungen, wie diese Dinge zu schildernseien. Er will den Christus, den das Mittelalter, den die Renaissanceschuf, deu er kunstgeschichtlich gewöhnt ist, den Christus des 15.,16., 17., 18. Jahrhunderts. Aber ich kann doch nicht recht glauben,daß dnrch Hölschers Idealismus das Wesen Christi gedeckt werde, daß