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VIII. Die Kunst aus Eigenem.
seiner Berliner Junggesellenwohnung ausgezogen, weil er sich wegender Preßschimpfereien vor seiner Wirtin geschämt habe. Es ist keinSpaß, eigene hochgesteckte Ziele zu besitzen!
Kliuger ist 1889 nach Rom gegangen und hat dort seineKreuzigung gemalt. Man kann ihn nicht einen Schüler derdortigen Künstler nennen, denn er besaß schon die Richtung aufdas, was jene erstrebten. Schon im Parisurteil wirken Marees'Gedanken in der Darstellung des Raumes im Bild: die beidenHauptrichtuugen, das Wagerechte uud Lotrechte sind sest eingehalten.Ebenso in der Kreuzigung. Alle Hauptfiguren stehen gerade oderdoch in leichter Bewegung da.
Wo bleiben da die Gesetze des kunstgemäßen Aufbaues? Wobleibt die schöne Linienführung, wo die einheitliche Gruppierung?Kein in der Ecke Knieender, keine Gruppe, die sich zur Pyramidezusammenschiebt, kein Abwägen der Tonwerte nach vorher fest-stehender Absicht, die das Licht auf den Hauptgegenstand sammelt!Ein klarer Verzicht auf alle Phrase der Schönheit, auf alles das,was man an Schönheit in Schulen lernen kann, ohne selbst em-pfinden zn müssen. Warum diese Maria, die so steif, so reizlos,so aus dem Bilde losgetrennt dasteht! Man vergleiche KlingerSwundervolle Naturstudie zur Magdalena mit der Gestalt im Bilde.Er kann's also doch auch anders, es ist ihm die Vorstellungweicher Schönheit nicht versagt. Er will's also so, wie es imBilde erscheint.
Ein Geistlicher aus Klingers Vaterstadt Leipzig , einer jenerIdealisten, deren künstlerisches Aufnahmevermögen schwach, deren Über-zeugung aber stark ist, daß in diesem der Maßstab für alle Kunst liege,daß sie also zu Richtern berufen seien, Pastor Hölscher, nannte dasBild 1897 eine rnchlose Karikatur des Heiligen, die er als Be-leidigung feines christlichen Gefühles empfinde; sie errege ihm nochin der Erinnerung widerwärtige Gefühle. Es ist gut, solche Urteilegelegentlich festzunageln, denn die Nachwelt will auch ihr Teil zulachen haben. Ruchlos ist doch wohl der, der mit ÜberlegungBöses thut. Eiue Karikatur ist doch eine absichtliche Verzerrungins Häßliche. Hölscher will also Klinger für einen Menschen er-klären, der ein großes Bild malt, Jahrelang sich plagt, um das