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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Angriffe der Idealisten. Klinger als Maler.

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was gerade heute für schön gilt. Frauen haben ihn öfter alsMänner: Geschmack von gestern ist stets Ungeschmack von heute.Seht einmal die an: Die trägt das Kleid noch, in dem sie vorigenSommer so geschmackvoll aussah, wie geschmacklos!

Also weil Klinger hier gegen die Mode verstieß, wnrde erzunächst verketzert. Seine Frauen sind keineswegs liebreizend. DieMalerei des Bildes ist trocken, fast nüchtern. Zieht man seineälteren Bilder zum Vergleich, jene aus der Zeit, in der Klingernoch Gussow's Schüler war, so sieht man, daß er Böcklins Farbeeine Zeitlaug nicht ohne Erfolg nachstrebte. Jetzt schus er ohne denTon reizvoller, leuchtender gestaltenden Malmittel, mit breitem Pinselklar und fest aufgetragen, eine Studie im Freilicht, voll ernstenWollens, voll aufmerksamer Wahrheitsliebe, durchaus Arbeiten desRingens nach Kraft nnd Klarheit, eines Verzichtes auf die flacheMeisterschaft seines Lehrers. Also Klinger war schon einmal fertig,ehe er sich zu lernen entschloß; er war Meister gewesen, bevor er sichselbst in die Schule nahm. Er arbeitet noch heute an der Farbe,als dem ihm am wenigsten handgerechten Kunstmittel. Man siehtdas seinen Bildern an! Sie sind Versuche, Studien, sie sind nochnicht ganz mit sich selbst zn Ende. Es irrt der Mensch, so langer strebt!

War's dies, was die Beschauer abstieß? In gewissem Sinnewohl sicher! Denn sie empfanden durch, daß dieser eigentümlichharte Ton nicht ein Unvermögen sei, über das man lächeln dürfe;sondern daß hier eine versteckte Absicht vorlag: die Absicht, dieschon dem Felierbach den Haß aller Idealisten zugezogen hatte: Ihnenzu beweisen, daß die Art, mit der sie die Natur betrachten, undmittels dieser die ihuen gefällige Kunst unkünstlerisch sei; daß die Malerdie Natur von einem anderen, besseren Gesichtspunkt betrachten; unddaß sie die Nation zwingen wollen, ihnen zu folgen, statt jenen,mit denen sie so sehr zufrieden waren. Die geistige Zumutung,sich umzubilden, der Vorwurf, der in diesem Bilde steckt, daß manallzu lang bequemem Idealismus angehangen habe, und daß es Zeitsei, der neuen Zeit angemessene neue Ziele auszustecken: Das wares, was den Haß erzeugte. Aufgeschreckte Denkfaulheit, die tobeuduach Ruhe schrie. Klinger erzählte mir später, er sei damals aus