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VIII. Die Kunst aus Eigenem.
auf das Urteil der Presse dazu zu bewegen, das Bild zuuächst nochhängen zu lassen, war Fritz Gurlitt nur mit schwerer Mühe ge-lungen. Wie schade, sagte er, daß wir Klingern nicht mehr gefundenhaben; dein Lob würde ihm wohlgethan haben. Nein, diese entsetz-liche Berliner Kritik!
Es war nur ein Zeichen des unzerstörbaren Vertrauens, mit demmein Bruder Fritz auf den Sieg des Guten hoffte, wenn er Klingerauf das Urteil der Presse verwies, in der Hoffnung, diese müßtedoch deu Wert des Bildes und des Mannes erkennen. Die Kreuz-zeitung schrieb einen Leitartikel über den Verfall der Sitten unddes Idealismus! Die Presse aller Parteien erhob ein allgemeinesWehegeschrei; sie fühlten sich in den tiefsten Tiefen ihrer Moralverletzt.
Was war es denn, was die Leute so in Harnisch brachte?Drei Frauen stehen vor einein Jüngling, eine ihre Nacktheit zur Schaustellend, die anderen teilweise verhüllt. Wie oft war das Urteilschon gemalt, ohne daß man darüber Anfülle des Entsetzens bekam.Aber dann waren die Weiber durch den Idealismus zu einerhöheren, die Sinne bändigenden Schönheit erhoben. Die Schönheitheiligte dort das Nackte. Wie oft habe ich vor dem Bilde gestanden,nicht nur des Bildes, sondern seiner Wirkung auf die Beschauerwegen; um sie reden zu hören. Freilich kam nur selten einerüber das blödeste Schimpfen hinaus. Aber doch hin und wiedertrat einer heran, der sich zu erklären suchte, warum ein Künstler einso abscheuliches Ding male. Klinger hatte einen eigenartigenRahmen um sein Bild gelegt, der teils bildnerisch und dazu farbigwar. Es giebt irgendwo ein Gesetz, daß man dies nicht dars.Auch Feuerbach hatte in seinem Gastmahl des Plato dagegengesündigt und war scharf zurückgewiesen worden. Der Rahmensoll das Bild von der Umgebung trennen, sagt die ästhetische Moral.Jene Maler, die sich das Bild in hohem Sinne dekorativ dachten,als Schmuck uicht jeder beliebigen, sondern einer bestimmten Wand,waren der Ansicht, daß der Rahmen ins Bild überführen solle.Den Ästhetikern galt dies als Ketzerei, der Menge als Geschmack-losigkeit. Geschmack aber ist die Fähigkeit innerhalb der allgemeinenAnschannng des Schönen die Mitte inne zu halten, das zn thun,