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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Klinger und Vöcklin. Berliner Kritik.

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Klinger galt damals bei den Berlinern für einen Mystikerund Genialitätshascher. Beides war unbequem und paßte nicht inden Nahmen der Weltstadt. Schlagt ihn tot, er ist ein Original,sagte die besonnene Kritik von ihm. Er malte sein Parisurteil:es war das eines der ersten Werke einer neuen Richtung, dasauf deutschen Ausstellungen erschien. Der Erfolg war über-raschend. Er sei nach einer Erzählnng meines Bruders LudwigGurlitt dargestellt: Als Fritz, der Kunsthändler so erzähltdieser Geschäftsführer der Kunstausstellung in Berlin war,suchte ich ihn tags nach der Eröffnung, um mich seiner kündigenFührung zu erfreuen. Ich fand ihn nicht und machte meineWanderung allein. Unter den: vielen Herrlichen fesselte michein großes mythologisches Bild, das Urteil des Paris, unzweifelhaftdas Werk eines der Gewaltigsten. Das Bild nannte den Künstlernicht, ich konnte ihn auch nicht erraten; das Werk war nur sichselbst ähnlich; ein neuer, mir unbekannter Geist sprach hier zu mirund ich stand lange in stummem Staunen. Neben mir aber machtesich die erbarmungsloseste Kritik laut, und plumpe Witze wirktenauf mich wie Pcitschengeknall in der Kirche. Daß man doch viel-fach so wenig Achtung vor dem Geistesringen eines Künstlers hat,so wenig Rücksicht für die Umstehenden! Da traf ich meinen Bruder.Meine erste Frage natürlich: Von wem ist denn das herrlicheUrteil des Paris? Er ließ mir nicht Zeit, mein Entzücken weiterauszusprechen, sich nicht Zeit zu antworten, riß mich nur mit sichfort; die Aufklärung würde gleich folgen. Wir eilten von Saal zuSaal, zurück an den Eingang, blickten hinaus ins Freie, endlichsagte mein Bruder verstimmt: Schade, er ist fort! Eben warKlinger bei mir im Bureau, gauz zerschlagen und vernichtet. Erhatte eine halbe Stunde vor seinem Bilde gestanden, seinem erstengroßen Ölgemälde, an das er alle Kraft, auf das er alle Hoffnunggesetzt hatte, und mußte nun die Urteile des Berliner Publikumshören: Herrjeh! von wem is denn das?! Der muß nach Dalldorf,den darf man nicht frei rumlaufeu lassen? In der Tonart war esfast unausgesetzt gegangen. Klinger, bis ins tiefste verletzt undden Thränen nahe, forderte sofortige Zurückziehung des Bildes. Ihn

durch eigene Anerkennung und Bewunderung, dnrch Vertröstung

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