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VIII. Die Kunst aus Eigeneni.
weitern, das Recht des Cynismus im Sinne Wischers sich zn wahren.In dem Sinn, der das Laster nicht dnrch Verstecken, sondern durchBloßlegen, nicht dnrch Umschreiben, sondern durch die Derbheit desgeraden Wortes bekämpfen will. Wer in deutschen Künstlerwerk-stätten Bescheid weiß, der wundert sich nicht darüber, daß er vielöfter dort den SimplicissimuS Grimmelshaufens als ein lüsternesBuch findet. Die Ehrlichkeit des 17. Jahrhunderts erscheint denKünstlern künstlerischer, feiner als alle Elegance.
Daneben tritt bei Klingcr alsbald ein anderer Zug auf. Jeuermich allgemeinem Ausdruck gegenüber dem Darstellen von Vorgängen.Blätter dieser Art begleiten die Erzählung, versinnbildlichen ihrengeistigen Inhalt. Er schreitet fort zum Darstellen nicht eines Er-schauten, sondern eines Erdachten. Der Realismus wurde ihm zurVorstufe selbständigen Formgefühls, aus der Fülle durch treueWahrheitsliebe erlernter Formen wächst ihm die Herrschaft überdiese Form heraus. Aus einem Nachbildner der Menschen konnteer ein Schöpfer einer ihm eigenen Menschenwelt werden, aus einemBerichterstatter ein Dichter.
Mit den achtziger Jahren begann Böcklin stärker auf ihn zuwirken. Es ist die Zeit, in der mein Bruder begann, diesenMeister den Berlinern vor Augen zu stellen. Für meinen Bruderradierte Klinger Die Burg am Meer, Die Toteninsel, Den Frühlings-tag nach Böcklin . Er zahlte, soviel ich weiß, mit einem Bilde des ver-ehrten Meisters, jenem Frauenkopf, der noch heute in Klingers Werk-ftätte hängt. Ich erinnere mich noch des Tages, an dem ich meinenBrnder damit beschäftigt fand, aus den Führern einer seinerAusstellungen, die Böcklins Sommertag zuerst den Beschaueruvorführte, sorgfältig die als Kuustbeilage darin befestigten KlingerschenRadierungen herauszulösen. Hunderte von abgetrennten Blätternlagen schon da. Die Gebildeten Berlins , die den Sommertagim besten Falle für apart, meist aber für verrückt erklärten,hatten, ohne zu merken, welcher Art das ihnen Gebotene sei, denKatalog zusammengefaltet in die Tasche geschoben. Kupferdruck-papier verträgt aber bekanntlich das Brechen nicht. Und so rettetemein Brnder die Blätter vor einer Mißhandlung, die einen Kuust-liebenden herber trifft als der Verlust.