Klinger. — Klingers Realismus.
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1886 und 1891 stellten in einer allgemein anerkannten Form fest,daß etwas faul sei in der allgemeinen Kunstübuug in Deutschland .
Max Klingers Name begann emporzusteigen. Zuerst genanntwurde er 1878 gelegentlich einer Ansstelluug von Zeichnungen.Damals schon sprach Th. Lewin, einer aus dem Kreise, der sichum Georg Brandes , den dänischen Litteraturhistoriker, bildete, dieAnsicht aus, daß sich hier eine große neue Kraft offenbare.
Und dann waren die Folgen von selbständigen Radierungen er-schienen. Zuerst befangen, in manchem an die Japaner sich anlehnend,in manchem auf Rethel und Böcklin weisend, das meiste vorwiegendsachlichen Inhalts, der Menschheit ganzen Jammer umfassend.
Klinger ist durch Flauberts Realismus hindurchgegangen; erhat das Grausen der Wahrheit im Sinne Zolas gesucht; er hatsich mit dieser Welt auseinandergesetzt, indem er sie in ihren Nacht-seiten schilderte. Während er in seinen Jugendbildern Hnmorzeigt, im Gefühl der Unzulänglichkeit das Lächeln der Überlegen-heit annahm, ward er in seinen Radierungen immer ernster. Erfertigt ganze Bilderreihen, erzählt durch sie Romaue in steigenderEntwickelung des Grausigen: die Liebe, ihre Zweifel, Seligkeiten,Folgen. Das Schicksal der Frau ist's, das ihu beschäftigt. Erzeichnet die Revolution, Rethels großem Totentanz an Größe nach-strebend; ein Bild menschlichen Elendes, die sich mit ihrem Kinde inder Spree ertränkende Mutter, hart in seiner Wirklichkeitsliebe,stärksten Ausdruck nicht vermeidend; eine Liebesgeschichte mitgrimmem Ausgang, an Kraft dem Hogarth nahestehend, doch ohneermahnende Nebengedanken; nur in der Absicht geschaffen, dich-terisch Empfundenes zum künstlerisch Schaubaren zn machen. Diesund viel anderes mehr zeigt, daß Klinger die selbständige Natur-auffassung in seiner Kunst durch eine rücksichtslose Wahrheitsliebezu erlangen bestrebt war. Noch ist das Gegenständliche, die Er-zählung das Vorwiegende im Bilde. Die Erzählung giebt entwederdie Thatsachen oder sie deutet die sie begleitenden Empfindungenan. Hier setzt schon ein Geist ein, der ihn von Zola trennt. Denndieser glanbte durch die Thatsachen allein wirken zu können. Ge-meinsam aber hat er mit dessen besten Werken den Wagemut derSinnlichkeit, die Absicht, die Grenzen des Darstellbaren zu er-
Gurliit, IS. Jahrh. 39