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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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617
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Klingers Stellung zur religiösen Kunst. Stuck. 617

unaufhaltsam weiter schreitend, nähert sich der blonde Dulder demGötterthrone. Engel spielen in den Palmenbüschen, Pan stürzt inatemlosem Lauf herbei ... »

Da ist also ein schrittweises Wandeln der Aufgabe iu dergroßen Knnst. Zuerst einfache Vorgänge, die leicht verständlich sind,hier schon tiefer Beziehungsreichtum. Auch für dieses Bild schufKlinger einen Nahmen: Bildnerei und Malerei vereinten sich, umdeu Gedankeninhalt zu vermehren. Klinger giebt hier schon jenenVielgeschmähten der älteren Jdealistik nichts nach, von denen mansagte, man verstehe sie nicht ohne gedruckten Zettel in der Hand.Seine Verehrer, die ihn einst als Realisten nahmen und seineGegner, die ihn als solchen verwarfen, mußten sich ein klein wenigumkrempeln, wenn sie in ihrem alten Urteil bestehet: wollen. Denner ist Idealist in einem Sinne, der von jenem des Cornelius nichtmehr so sehr fern erscheint. Man kann zuin Mindesten nicht dieGeistesübcrlastuug bei Coruelius höhnen und gleichzeitig KlingersJnhaltlichkeit Preisen. Das Bild war 1899 in Wien ausgestellt: Dasist groß, schreibt mir ein Freund, ein Archäologe, dorther, groß in jederHinsicht. Was hat mau mit sehnsüchtigem Augenaufschlag nach großerKunst geseufzt! Da ist sie, in Ausdehnung, Inhalt und Formengroß! Aber der große Augenblick findet ein kleines Geschlecht!

Neben Klinger hat Franz Stuck hohen Rnhm erlangt: Zuerstals ein sicherer und höchst geschmackvoller Zeichner für das Kuust-gewerbe; dann als ein gesund empfindender Maler, der in der ArtLeibls und Trübners einen dämmerudeu Wald zu malen wußte,mit dargestellten und allen möglichen hineinzuträumenden märchen-haften Geheimnissen. Böcklin spukte iu allen jungen Köpfeu. Stuckfaßte ihn in seiner Weise auf, nicht ganz mit dessen inneren Heiter-keit, wohl aber mit der frohen Kraft der Jugend, mit ein wenigmehr Derbheit, manchmal fogar mit einem wenig Zuviel von dieser,mit etwas absichtlicher Derbheit. Seine Kunst trat als kerngesundesWeib auf, schien geneigt jedem zuzurufen: Fühle einmal, wie starkund hart meine Armmuskeln sind! In seiner Zeichnung, in seinenbildnerischen Werken, in der Art, wie eine Gestalt, ein Kopf sichbei ihin aufbaut, ist stets Kraft, Wucht, Größe. Er ist zwar imGrunde nie ganz selbständig, vor jedem seiner Bilder fällt einem