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VIII. Die Kunst aus Eigenem.
der Vergleich mit dem eines anderen ein; aber er giebt in die Dar-stellung des Eigenen genug, um stets auf den Ausstellungen denBlick iu Ablehnung und Anerkennung auf sich zu lenken. Unver-kennbar ist sein Bestreben nach stilistischer Klärung. Der alteRuf, daß die Kunst aus der Naturbeobachtung und der erschrecken-den Menge der durch sie sich bietenden Einzelheiten in die Ein-sachheit zurückkehren, daß sie von den Alten lernen solle, einfach zusehen und einfach zu bildeu, klingt auch aus seinen Bildern hervor.Auch Stuck wurde Gedankenmaler. Ihm und Klinger gelang esrasch die Kritik stutzig zu machen: Der Realismus ist die Roheit,er war nur eine Vorstufe; es ist ein Glück, daß diese rasch erstiegeuwurde; das einzig Tiefe in der Kunst bleibt doch der Gedanke, derInhalt. Fort mit den materialistischen Schenklappen: Die Allegorie,die biblische Geschichte, Homer seien die Führer in einer Weltreinerer Schönheit, erhabenerer Gedanken!
Stuck wird diesen Ansichten Wohl zustimmen. Realismus istnicht Wirklichkeit, sondern Streben nach Wahrheit aus der Wirk-lichkeit. Nicht die Kunstwerke sind daher realistisch, sowenig wie sieschön sind; sondern sie erscheinen mir je nach dem Stand meinesVerhältnisses zu Natur und Kunst realistisch. Piloty war Realistim Verhältnis zu seinen Vorgängern, Stuck ist es im Verhältniszu seinen Anfängen: Mir will scheinen, sein Idealismus von heuteist der Stillstand. Er beginnt mit sich klar zu werden, ist in sichfertig. Sein Realismus war die Vorstufe dieser Klarheit. Aberder läßt sich nicht auf Schüler, auf Nachstrebende übertragen.Vielleicht ist die Zeit des Realismus für Stuck vorbei, aber sie istnicht für die Nation vorbei. Denn die von ihm aus der Natur gefundeneWahrheit ist für ihn wohl wahrer als die anderer: Jeder mußsich seiue eigene suchen. Das ist die Gefahr, die gewisse Meister wieBöcklin und vielleicht Klinger in die Welt bringen; daß sie nämlichglauben machen ein Höhepunkt, ein Nuhepnnkt in der Kunst seierreicht: Für sie selbst wohl, nicht aber für andere. Wer nichtvon weither aus Eigenland herbeiwanderte, hat kein Recht, sich imSonnenschein zu recken.
Klinger hat sich und seine Kunst durch ein Buch zu erläuternversucht: Malerei und Zeichnung. Der Kern und Mittelpunkt aller