Neuer Idealismus. —
Klingers Kunstlehre.
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Kunst, sagt er da, bleibt der Mensch nnd der menschliche Körper.Seine Darstellung allein kann die Grundlage einer gesunden Stil-bildung geben, aus dem Verständnis lind der Ausbildung seinerVerhältnisse kann allein eine selbständige Natnranffassung sich ent-wickeln. Wer eine Hand nicht zu bilden weiß, wird auch keiueHandhabe darstellen können, ausgenommen, er stiehlt sie anders-woher. Es kann für jeden, der der höchsten Aufgabe, demmenschlichen Körper, aufrichtig gegenüber tritt, keine Frage sein,daß der ganze ungeteilte Körper ohne Lappen, ohne Fetzen diewichtigste Vorbedingung einer künstlerischen Körperentwickelung ist:Da, wo das Nackte notwendig ist, soll es ohne falsche Scham, ohnedrückende Rücksicht aus gewollte oder gesuchte Blödigkeit gauz gegebeuwerdeu! Und nun entwickelt Klinger weiter, daß die Gelenke esseieu, die das Verständnis des menschlichen Körpers vermitteln, seinenAusbau und seine Bewegungen erklären, uud daß es daher ein Undingsei, gerade jene Gelenke, in denen sich der ganze Oberkörper trägt,mit Stosfstreifen zu verhängen.
Wenn ein Künstler ein Gesetz des Schönen vorträgt, soll manstets zuerst fragen: welches seiner Werke will er damit verteidigen.Hier ist's der Christus der Kreuzigung und die Blaue Stunde,jene Darstellung eines am Meeresstrande stehenden nackten Mädchensin der Zeit blauer Dämmerung, deren Fuß von einem Feuer be-leuchtet ist. Er schreibt selbst: Ein menschlicher Körper, an demdas Licht in irgend einem Sinne hingleitet, in dem nur Ruhe undkeinerlei Gemütsbewegung ausgedrückt sein soll, ist, vollendet ge-malt, schon ein Bild, ein Kunstwerk. Die Idee liegt für denKünstler in der der Stellung des Körpers gemäßen Formentwicke-luug, in seinem Verhältnis zum Raum, in seinen Farbenverbin-duugen, und es ist völlig gleichgültig, ob Endymion oder Peter dar-gestellt wird! Klinger, der einst Romane radierte, spottete über all diehübschen Mädchenköpfe, die als Ada, Hermine, Lydia oder Claire dieBeschauer reizen; eiferte gegen die moderne Novellistik, weil sie dienatürliche, ruhige Form völlig ertränkt hat! Es gehören, sagte erweiter, stärkste Anstrengungen dazu, sich aus dieser Flut zu einereinfachen künstlerischen Anschauung durchzuarbeiten nnd die Kunstim Menschen, in der Natur zu suchen, statt im Abenteuer. Ja,