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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VIII. Die Kunst aus Eigenem.

endlich erklärt er, daß der Idealist wie der Realist, die zusocio-logischen Speculatiouen" über das Leben führen wollen, im Grundenur ,x>ro tormg." maleu. Ich weiß nicht recht, ob Klinger heutenoch die Wahrheit dieses Satzes anerkennt. In Klinger liegt einestarke Bildungsfähigkeit, wie in jeder starken Natur. Sein Buchist Ausdruck seines Schaffens, sein Schaffen aber ist spekulativergeworden. Auch er wird demnächst vielleicht wieder die Lehre vomWert des Inhalts verkünden. Der wahre Künstler, führt Klingerweiter ans, wird, wo er dem Ausdrucke dem Keim, der Seele,der Idee im Bilde großen Raum gewährt, sich Stoffe suchen,mit denen er und wir von früh auf vertraut sind. Er wird mitStärke und Sicherheit in Form und Farbe jeden Gegenstand undjede Bewegung im Bild umschließen und gestalten. Er wird demBeschauer ein beruhigendes Gefühl der Gesetzmäßigkeit geben, wenner den Kopf als Kopf und die Hand als Hand erkennt. Er wirdFleisch als Fleisch, Luft als Luft malen, gleichviel, ob dies derMenge zu einfach sei, als daß sie es verstehe.

Also Deutlichkeit des Ausdruckes und Einfachheit des reinmalerisch zu erfasseudeu Gedankens! Das ist wohl der Kern vonKlingers Zielen. Anch er suchte in Rom die Befreiung vom Ballastder Schule, von der dürftig und unfruchtbar gewordenen alt-stilistischen Schönheit, in jener Luft, in der sie andere Deutsche ge-funden hatten. Er suchte uicht römische Kunst, denn was dortItaliener, Spanier, Franzosen und die Mehrzahl der Deutschenmachten, kümmerte auch ihn wenig; er suchte nicht die Kirche undihre Austräge; sondern die Einfachheit, das Versenken in sich selbst,die Einsamkeit.

Klinger war damals viel mit Karl Stauffer-Bern zu-sammen; beider Schaffen ergänzt das Gesamtbild ihres jungenWollens. Schöne stille Leute auf blumigen Wiesen wollte diesermalen, wenn er nur das machen dürfe, wozu ihn der Geist treibe.So sagt er in einein seiner Briefe, damals, als es ihn in Berlin zu frösteln begann; in der Stadt, wo es, wie er sagt, die schlechtestenMaler und die besten Soldaten giebt. Er ist nicht dazu ge-kommen, seine Absicht auszuführen. Lange noch blieb er in Berlin und erzählt selbst, er male Juda und Israel weiter mit der fatalen