640
VIII. Die Kunst aus Eigenem.
seiu mit seiner Formenkraft und seiner Formenfrende, er sollte dasInnere des Gebäudes umgestalten, die preisgekrönte Fassade aberthnnlichst, erhalten. Wunderbare Entwickelung der Anschauungen!Nachdem die Berliner Baukunst so lange unter dem Joche derÄrmlichkeit geseufzt hatte, war es ihr zum Glaubensartikel ge-worden, Reichtum, Prachtentfaltung und wahre Schönheit ver-trügen sich nicht miteinander. Sie hatte den Trost der Armen zuoft gehört, um noch glauben zu können, daß auch Reiche iu denHimmel kommen können. Sie war zu sehr durchtränkt von demGeiste der Biedermeier-Zeit, die nur in der Einfachheit die wahreVornehmheit sieht; die im Selbstbeschränken die höchste Tugend er-blickt; die nicht jenes freudige Sichansgeben kennt, das die Seelealles frischen künstlerischen Schaffens ist; nicht jene echte Sinnlich-keit, die an dem Packenden, Mächtigen, Glänzenden sich freutund den Reichtum des Stoffes nicht wie ein gefährliches Ver-führungsmittel vom Wege echter Kunst betrachtet, sondern die Kuustfür blutlos hält, der die Mittel fehlen, sich reich zn geben.
Mit der Zeit ist Wallots Architektur immer vollsaftiger, mäch-tiger, strotzender geworden; er erlangte die sichere Kraft und Größe,den Reichtnm, der nicht in der Menge der Einzelheiten, sondern inihrer geschickten Verteilung beruht, die Sicherheit in der Verwen-duug der großeu Baumotive als Ausdrucksformen gewisser Ge-dankeu. Die Sorge um das Maßhalten und die Freude an derbescheidenen Sparsamkeit hat einem thatkräftigen SelbstgefühlPlatz gemacht, die das Größte und Reichste giebt, was zu gebenZeit und Gelegenheit gestatten. Wallot gestaltete das Hans derdeutschen Volksvertretung mit echtem Ruhmsinne so gewaltig wiemöglich. Trotzdem habeu die Einzelformen au Vielgestalt entschiedeneingebüßt. In höchst erfreulicher Weise hat er es über sich ge-wonnen, eine liebgewordene Einzelheit nach der andern zu streichen,so dem Rate der Bauakademie aus eigenem Antriebe folgend. Nichtin der Häufung von Schnörkeln und Kartuschen, nicht im bildneri-schen Umkleiden aller Flächen sieht er das Wesen des Reichtums.Im Gegenteil, seine Gebilde wurden immer stämmiger und schmuck-loser. Was er aber an Schmuck bringt, ist um so bedeutender inAbmessung und Zeichnung. Er hat das Geheimnis der Massen-