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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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Geschlechtskrankheiten.

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zusammengeworfen, bis die Untersuchungen vvn Balsour undTode zeigten, daß die Gonorrhoe davon abzutrennen ist, weil ihrnicht die schlimmen sekundären und tertiären Formen zukommen.Einen weiteren Fortschritt in der Erkenntnis brachte der großeenglische Chirurg und Anatom Hunter, welcher den Satz aufstellte,daß ein Teil der für luetisch gehaltenen Geschwüre einen hartenRand bekommt und die bekannten Folgen nach sich zieht, währenddie anderen Geschwüre diesen Rand vermissen lassen nnd auch wieandere Geschwüre ausheilen, ohne Folgen zu zeitigen. Man hatdeshalb die Primäraffektion mit Hunters Namen belegt.

Aber auch diese Auskläruug sollte uicht durchdriugen, dem?die von Carmichael aufgestellten fünf Formen von Pseudosyphilisneben der echten Hunterschen blieben bestehen, bis es endlichPhilippe Ricord (18001889) gelang, durch Impfungen experi-mentell zu beweisen, daß die Gonorrhoe aus der Reihe der luetischenFormen auszuscheiden hat. Wenn Ricord ferner noch annahm,daß die Sekrete der sekundären Lues nicht überimpst werden können,so wurde er durch den Würzburger Augenarzt Welz eines Besseret,belehrt. War schon damals die Behandlung mit Quecksilber all-gemein eiugesührt, so uimmt es umsomehr Wunder, daß derjenigeGelehrte, welcher die Ricordschen Lehren in Deutschland prokla-mierte, Friedrich W. F. von Baerensprung (18221864),gerade ein Gegner der Merkurialisation war. Baerensprung hatauch auf anderem Felde sich verdient gemacht, indem er für dieregelmäßige Temperaturmessung am Krankenbette eintrat und eineneigenartigen Standpunkt betreffs der hereditären Syphilis einnahm. Zu denjenigen, welche die aufsehenerregenden Versuche vonRicord uach Paris lockten, gehörte auch Ninecker, der spätergegen Ende seines Lebens die Abteilung für Hautkranke undLuetische am Würzburger Julius-Hospital leitete. War Baeren-sprung ein Gegner der Quecksilberbehandluug, so hatte dieselbeeinen entschiedenen Vertreter in Karl Ludwig v. Sigmnnd(18101883), dem es gelang, an der Wiener Hochschule sich einmustergiltiges Institut zu schaffeu. Er verbreitete sich iu ver-schiedenen kleineren Arbeiten über den Nntzen der von ihm haupt-sächlich geübten Einreibungskur und gab gegen Ende seines Lebens