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2 (1927)
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wieder verloren sein wird, und daß keinerlei persön-liche Einflüsse es alsdann werden verhindern können,daß die britischen Staatsmänner sich wieder enger alsbisher an Frankreich und Rußland anschließen. Miß-trauen in unsere Auslandspolitik und deren un-bedingte Friedfertigkeit muß notwendigerweise aber-mals zu einer Entfremdung der beiden Nationen

führen.

Lichnowsky.

AN DEN REICHSKANZLER VON BETHMANN HOLLWEG

London , 10. 3. 1914

I m Laufe einer längeren vertraulichen Unterhaltungmit Sir Edward Grey kam auch die Fehde zurSprache, die gegenwärtig von einem Teil unsererPresse gegen Rußland geführt wird. Ich erwähnte,daß meines Wissens die amtlichen Beziehungenbeider Regierungen durchaus freundschaftlich seien,und daß seit Beilegung der Militärmissionsfrage sichnichts zugetragen hätte, was zu Verstimmungen Anlaßgeben könne. Ich meinte daher, daß den Auslassungeneinzelner Organe unserer öffentlichen Meinung keineübertriebene Bedeutung innewohne, und daß sichvielleicht ein Teil der Nervosität, die die Österreicherbei Beurteilung russischer Dinge so leicht befällt, aufunsere Presse übertragen habe. Begreiflich sei jeden-falls, daß die starken russischen Rüstungen und dieVermehrung der Truppen an der Westgrenze Unruheverursacht hätten und im Sinne unfreundlicher Ab-sichten gedeutet würden. Sir Edward sagte mir, erhabe weder aus den Berichten des Botschafters oderdes Militärattaches in Petersburg noch aus sonst ihmzugegangenen Mitteilungen den Eindruck gewinnenkönnen, daß in der russischen Haltung uns gegenüberirgendeine Wandlung eingetreten sei, oder gar daß

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