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wahrte sich uud sagte Paul Camhon, er habe an diesem selbenVormittag gegenüber dem deutschen Botschafter definitiv jedeNeutralitätserklärung verweigert und sogar erklärt, dass beieiner Verwicklung Deutschlands und Frankreichs in den KriegEngland Irineingezogen werde. Dies solle aber nicht ein Enga-gement gegenüber Frankreich bedeuten. —Er sagte Paul Cambon weiter, das Kabinett sei zu dem Schluss gekommen, es könneim gegenwärtigen Augenblick keine Verpflichtung übernehmen."Up to the present moment, we did not feel, and public opiniondid not feel, that any treaties or obligations of this countrywere involved." (Bis zu diesem Augenblick fühlten wir nichtund fühle die öffentliche Meinung nicht, dass irgendwelcheVerträge oder Verpflichtungen Englands im Spiel seien.) Aber,fügte er verheissungsvoll hinzu, weitere Entwicklungen könntendie Lage ändern und Regierung und Parlament von der Be-rechtigung einer Intervention überzeugen. Die NeutralitätBelgiens könnte „I would not say a decisive, but an importantfactor" (ich möchte nicht sagen "ein entscheidender, aber einwichtiger Faktor) bei der Bestimmungder Haltung Englands sein.
Wie wenig Paul Cambon mit diesem Bescheid zufriedenwar, ergibt sich aus seinem eigenen Bericht über die Unter-haltung (Gelbbuch No. 110). Er fragte Grey, ob England mitseiner Intervention etwa einen deutschen Einfall in Frankreich abwarten wollte. „J'ai insiste sur le fait que les mesuresdéjà adoptées sur notre frontière par l'Allemagne révélaientdes intentions d'agression prochaine, et que, si l'on voulaitéviter de voir se renouveler l'erreur de l'Europe en 1870, ilconvenait que l'Angleterre envisageât dès maintenant lesconditions dans lesquelles elle nous donnerait le concourssur lequel la France comptait" (Ich insistierte auf derTatsache, dass die von Deutschland an unserer Grenze bereitsergriffenen Massnahmen die Absicht eines nahen Angriffs ent-hüllten, und dass, wenn der Irrtum Europas von 1870 ver-mieden werden sollte, England sofort die Umstände insAugen fassen müsse, unter denen es uns die Hilfe gewährenwürde, auf die Frankreich zähle). Aber Grey blieb beidem Kabinettsbeschluss. — Dagegen spendete Sir Artur Nicolson,dem Cambon beim Verlassen des Kabinetts des Staatssekretärsbegegnete, einigen Trost: Der Ministerrat werde sich amnächsten Tag wieder versammeln, „et, confidentiellement, ilm'a fait entendre que le Secrétaire d'Etat aux Affaires Etran-gères ne manquerait pas de reprendre la discussion" (und ver-traulich hat er mir zu verstehen gegeben, dass der Staats-sekretär des Auswärtigen nicht verfehlen werde, die Diskussionwieder aufzunehmen).
Man hat hier kaum nötig, zwischen den Zeilen zu lesen.
Bis zu dem von Nicolson für den nächsten Tag in Aus-sicht gestellten Ministerrat waren Antworten aus Paris undBerlin auf die Anfrage Grey's wegen der Neutralität Belgiens