den großen Schwurgerichtssaal als Sitzungsraum. Das BM des SaaleSwar vom ersten bis zum letzten Tage durchweg ins gleiche. Unter dem Oel>-gemäldc Friedrich Wilhelm III., -des „geistvollsten" aller Hohenzollern , drängtStuhl an Stuhl das Publikum. Meist Vertreter der höheren! Gesellschafts-klassen, vorwiegend das weibliche Element, von der hoch,konservativen Stistsdame an bis zur jungdeutschen Kasfee-schwester. Das verständnislose Lachen und sonstige Gebaren desAuditoriums verriet, daß etwas vom Geiste des zu seinen Häupten thronen-den Preußenkönigs aus dasselbe abgefärbt hatte. Die lachenden Damen ver-glich Matthias Erzberger einmal mit den kapitolinischen Gänsen, die nochimmer durch ihr Geschnatter das Vaterland zu rette» vermeinen. Dem Zu--höreo gegenüber, ebenfalls zu den Füßen eines im Goldrahmen prangendenHohenzollern , der hohe Gerichtshof. In den Spalten einiger Blätter istdessen Vorsitzenden^ Landgerichtsdirektor Baumbach, der Vorwurf gemachtworden, nicht mit der genügenden Energie den Gang der Verhandlungengeleitet zu haben und nicht imstande gewesen zu sein, den Ausschreitungendes Angeklagten Helsferich entgegenzutreten. Durchaus unsympathisch muteteder erste Staatsanwalt an, ein noch junger Herr, dessen Aeußeres sowohl wieVerhalten nicht erkennen ließen, daß er sich sonderlich Mühe gebe, in die Psychedes Nebenklägers einzudringen, den er später doch als gewohnheitsmäßigenLügner erkannt zu haben glaubte. Während einer der Verteidigungs-reden erreichte seine Jntereffenlosigkeit ihren Höhepimkt. DerStaatsanwalt war eingeschlafen. — Jedenfalls riu'f den Lorbeeren seinesgestrigen Tages, an dem er an die Handlung eines Ministers in kritischsterLage den Maßstab des Leutnants und Assessors angelegt. „Ich hättediesen Brief (Fall Düsterberg) in den Papierkorb geworfen." 10)
Links vom Richterkollegium die Journalistentribüne. Kein rechts«stehendes Blatt, das nicht seinen Stimmungsbildner dort fitzett hatte. Ches-und Ressortredakteure großer demokratischer Tageszeitungen fanden sichein, hin und wieder auch ein berufsmäßiger Vertreter der Zentrumspresse.Nicht alle legten sich die nötige Zurückhaltung ans, mehr denn einmal sielenin der vordersten Reihe unfreundliche Bemerkungen, die Erzberger hörenmußte, Wohl hören sollte. Weshalb auch Schonung dem Freiwild da?
Nicht vergessen werden darf die lange Zeu'genreihe, die täglich zu Be-ginn der Sitzung Platz genommen hatte, darunter Personen und Namen,mit denen in früherer Zeit sich In- und Ausland beschäftigte oder dieheute noch im Vordertressm des politischen Kanrpfes stehen.
Das war der Nahmen^, und die Handlung, die sich innerhalb desselbenvollzog, war auch in ihrer äußeren Foxm alltäglich sich gleich. Sie setzteein mit der Anklagerede Helfferichs, die eigentlich eine Verteidigung hättesein sollen. Stets dasselbe leidenschaftliche Gebaren und der gleicheemphatische Ton, als ob das, was er vorbrachte, im Moment aus der Tiefedes Herzens quelle, stets auch dieselbe leidige Tatsache,, daß alles bereitssäuberlich aufgeschrieben stand und bereits zu Beginn der Sitzung an diePresse verteilt war. Helfferichs Ton war es, aus den die ganze fernere 'Verhandlung gestimmt war. Immer und immer wieder klang er als Leit-motiv durch in spitziger Frage, im erregtem Ausruf und in tausend anderen
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