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Erzberger gegen Helfferich / [mit Beiträgen von Fritz Zinnecke, ...]
Entstehung
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Herrn Kollege« Alsberg von gestern ist entschieden nicht richtig. Wenn imMai noch einmal von der Propaganda für die Bedeutung von Longwy undBriey überhaupt gesprochen worden ist, so bezieht sich das nicht auf eineglatte Annexion, sondern»man mag es für utopisch halten oder nichtnuf irgetiid eine andere Art und Weise diese Erzfelder für Deutschland zu' gewinnen, sei es in Form eines Austausches mit anderen Gebieten ander Grenze, Grengregulierung, sei es in Form von Verträgen, Erzbergerhat es niemals übernommen, für die Annexion einzutreten, was ja in derFriedensresolution ausdrücklich ausgeschlossen war, sondern er hat es nurübernommen, das Publikum mit aufzuklären über die Bedeutung desBriey -Beckens. Das ist etwas völlig voneinander verschiedenes.

Und nun kamen die eigentlichen Meinungsverschiedenheiten. Herr Erz-berger toar vielfach in Oesterreich gewesen und sah, wie Oesterreich langsamzusammenbrach. Herr Erzberger stand im Parlament und hörte von allenSeiten wir haben es ja hier in lebendigen Bildern gehört von HerrnDavid, Giesberts u. a., daß die Stimmung im Innern erschüttert war.Er hörte natürlich, wie wir alle es vielfach gehört haben, auH den Schützen»gräben, daß die Soldaten erklärten: wir wollen zwar nach wie vor unserVaterland schützen, aber wollen nicht, daß länger Krieg geführt wird, umetwa Eroberungen zu macheu. Es war ja Exz. v. Bethmann-Holltveg selbst,d.er stets wiederholte: wir werden den Krieg nicht um einen Tag ver-'ängern, um irgendeinen Quadratmeter Landes zu erobern.

So kam alles zusammen, und nunmehr ging allmählich Erzberger dazuüber, zu überlegen: was können wir tun, um die innere Front wieder-herzustellen. Und da störte nun den alten Thyssen ganz besonders, daß ersich, eben um diese innere Front herzustellen, der Sozialdemokratie zu sehrnäherte; und es störte ferner den alten Thyssen, daß Erzberger andererAnsicht war über die voraussichtlichen und wirklichen Erfolge des U-Boot-Krieges. Der Thyssenkonzern hatte ausgezeichnetes Material aus demAusland bekommen über die tatsächliche Wirkung des U-Boot-Krieges, wiesie sich nach den Berichten auch unserer Feinde und der Neutralen dar-stellte. Das stimmte nicht ganz überein mit dem, was unsere U-Booteberichteten. Das waren also lauter Momente, die Erzberger schließlichdazu führten: das Glück des Vaterlandes liegt darin, daß wir eine derartigeStellung einnehmen, daß wir scharf nach außen und innen sagen: wir wolle»keine Annexion. Dein alten Thyssen paßte das in keiner Weise in den KramEr schildert anschaulich, wie sie langsam über diese Frage immer mehr an-emandergekommen sind, unter X:

Meine Ansichten und die des Herrn Erzberger zum Kriegeund zur Politik, die meiner Erinnerung nach früher im Konzern imwesentlichen übereinstimmten, begannen allmählich in verschiedenenPunkten voneinander abzuweichen. Zunächst einmal war dies, wieschon angedeutet, bezüglich der Frage der Annexion von LongwyBriey der Fall, auf deren Durchführbarkeit ich in Uebereinstimmungmit den anderen Herren des Konzerns für den Fall eines gün-stigen Ausganges des Krieges immer weiter hoffte, während Erz-berger mehr und mehr Pessimist wurde. Weiter wurden wir auchbezüglich des U-Boot-Krieges verschiedener Auffassung. Während

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