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Aus dem Leben eines deutschen Bibliothekars : Erinnerungen und biographische Aufsätze / von Otto Hartwig. [Hrsg.: Erich Liesegang]
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etwas gesagt, von dessen Wahrheit ich nicht selbst überzeugtgewesen wäre. Das Memorieren der Predigten machte mirsehr viel Mühe. Da nach jahrelanger Übung mir dasnicht leichter wurde, war ich daher, nachdem ich im April1865 meine Abschiedsprcdigt gehalten hatte, entschlossen,nicht wieder eine Kanzel zu besteigen. Angenkrank habe ichwohl einem Freunde, in der Stube auf- und abgehend, diePredigt in einem Zuge diktiert. Sie auf der Kanzel dannzu halten, war niir aber doch ganz unmöglich, ohne daß ichsie mir Satz für Satz wörtlich eingeprägt hätte. Dabei bliebich doch stets besorgt, stecken zu bleiben, da mir das Blutleicht in den Kopf stieg und es mir dann schwarz vor denAugen wurde. Wer so etwas jahrelang durchgemacht hat,wird es begreiflich finden, daß ich auf das Predigthalten gernverzichtete. Auch den Verkehr mit den Gcmeindemitglicdcrnhabe ich mit Ernst betrieben und meiner Stellung als Geist-licher nichts vergeben. Grauenvolle sittliche Zustände habeich damals kennen gelernt, aber doch viel mehr Erfreu-liches erfahren. Ganze Familien sind mir treu verbundengeblieben. Mit den wenigen Angehörigen der älteren Generationvon damals, die heute noch leben, stehe ich noch in freund-schaftlichen Beziehungen, und Briefe gehen hin und her. Vonmeinen Schülern und Schülerinnen sind mir auch gar manchenoch jetzt dankbar zugetan. Es lebten damals auch rechtunterrichtete Kaufleute von guter deutscher Gesinnung in derKolonie, von denen ich z. B. 186364 für Schleswig-Holstein schöne Gaben erhielt. Unter den Frauen gab es solche vongroßer Bildung. Die meisten beherrschten vier Sprachen. Mitden deutschen Ärzten und Hauslehrern fand ein reger wissen-schaftlicher Verkehr statt.

So neu nur mein Amt war ich konnte freilich erstam 12. August 1860 zum ersten Male predigen, waswollten alle die Eindrücke, welche ich davon empfing, gegendie besagen, die Land und Leute in Sizilien selbst auf michmachten! Und nun gar die großen Ereignisse, die sich um

Hartwig. Aus dem Leben. 2