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bringen. Die Gesellschaft, der geistige Verkehr füllten vollkommendiese Existenzen aus. Es war ein Spiritualismus in seiner Art,wenu auch von Ungläubigen. Bei den Malern kam noch etwasBesonderes zur Unterschätzung des Naturgenusses hinzu, nämlichbei den Malern des Menschlichen. Sie sahen auf die Landschafts-maler wie auf Kameraden zweiter Ordnnng hinab.
Ob Paul Chenavard ein großer Maler war, vermag ichweder zu bejahen, noch zu verneinen. Die Stimme der Gesamt-heit, welche die Künstler klassifiziert, hat ihm keine Stellungangewiesen, schon deshalb, weil er mit seinen Werken nie deutlichund dauernd vor sie hingetreten ist. Die jüngeren Kollegen, dieseine Kritik fürchteten, wollten ihn mehr als Philosophen, dennals Künstler geehrt wissen. Aber er war jedenfalls nicht nurein künstlerischer Philosoph, sondern anerkanntermaßen der ersteKunstkenner unter allen. Wenn man mit Sicherheit erfahrenwollte, ob ein altes Gemälde echt oder falsch, und von welchemMeister es wäre, so wurde Chenavard herbeigeholt, und seinUrteil galt als der Spruch der letzten Instanz. Seine philo-sophische Richtung führte ihn schon in jungen Jahren deutschenEinflüssen zu, und die allegorischen Aufgaben, welchen er seineLebensarbeit — etliche Freundschaftsporträts abgerechnet — zu-wendete, tragen das Gepräge der alten Münchener Schule. Wieer mit dieser zusammentraf, schilderte er öfter im Gespräch.Zuletzt hat er noch kurz vor seinem Ende einem jüngerenFrennde*) davon erzählt, der ihm im „Temps " vom 14. April 1895einen umfangreichen, außerordentlich schönen Nachruf widmete.Da diese Wiedergabe meinem eigenen Erinnern an längst ver-klungen? persönliche Mitteilungen einen festen Halt giebt, thue icham besten, ihr zu folgeu.
Chenavard erzählt: Im Jahre 1827 lebte ich in Rom.Raphaels Stanzen erweckten in mir den Gedanken, daß dieGeschichte der menschlichen Entwicklung im Lichte unserer Zeitnoch erst malerisch darzustellen sei. Raphael hatte in seinerDispnta, in dem Parnaß, in der Schnle von Athen unrdie Geschichte des menschlichen Geistes versinnlicht. Es blieb
*) Herr Thiebciult-Sisson.
Bambergers Erinnerungen.
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