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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
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Siebentes Kapitel.

noch Übrig, die Geschichte der Menschheit selbst vorzuführen.Die großen Stufen dieser Entwicklung darzustellen, die Reihen-folge der religiösen und philosophischen Wandlungen; dies warmein Plan von lange her, als ich viel später, im Jahre 1848,auf Grund vielfacher Vorarbeiten zur Ausführung schritt.Und das alles nur auf Anregung von Raphael hin? warfder Hörer fragend ein. Nicht doch, es kamen noch andereEinflüsse hinzu. Seit meinem ersten römischen Aufenthalt hatteich mit zwei deutschen Malern Freundschaft geschlossen, die inder Knnst nicht einen Selbstzweck, sondern eine Ausgabe sahen,indem sie die höchsten religiösen und historischen Ideen durch siezum Ausdruck zu bringen suchten. Es waren Overbeck undCornelius. Jeder von beiden, ungefähr vierzig Jahre alt, inder vollen Reise seines Talentes, das schon bedeutendes geleistethatte. Overbeck, christlicher Mystiker, gab der ganzen Welt-geschichte ihren Mittelpuukt im Katholizismus. Um sich ganzdavon zu durchdringen, ließ er sich dauernd in Rom nieder.Cornelius, der anfänglich auf diese Ideen eingegangen war,trennte sich dann von ihm, kehrte in seine Heimat zurück undmachte sich an die malerische Darstellung der deutschen Legendeund Dichtung. Er hatte aber deswegen nicht aus die religiöseKunst verzichtet. In dem Zeitpunkt, da ich seine Bekanntschaftmachte, war er wieder nach Rom gekommen, um sich von neuemam Studium der alten Meister zu schulen und einen großenKarton des Jüngsten Gerichts zu entwerfen. Overbeck undCornelius, denen ich von meinen Plänen gesprochen, bestärktenmich darin aufs eifrigste. Ihre Unterhaltung, ihre Ratschlägefreundschaftlichster Art wurden mir sehr kostbar. Dank ihrerVermittlung genoß ich auch den Vorteil, durch einen ihrerFreunde, der in Rom erschien, belehrt zu werden; dies war derPhilosoph Hegel . Es sind fast siebenundsechzig Jahre, daß ichmit diesem großen Manne zum erstenmal zusammentraf, aberich erinnere mich aller Einzelheiten noch so genau, als wäre esgestern geschehen. Ich ging mit Cornelius auf dem Pincio spazieren, als uns ein kleiner Herr entgegentrat, der in einenweiten hellgrauen Überwurf mit drei oder vier übereinander ab-gestuften Krägen gehüllt war. (Carrick im französischen, nach