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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
Seite
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Siebentes Kapitel.

Charles Blanc , der Bruder des Historikers, Direktor der schönenKünste, gingen auf den Plan ein. Eine lange Reihe vonKartons, in bräunlichem OamAisu, sollten ringsumher an denWänden allegorisch die Menschheitsentwicklung darstellen. JedemBild entsprechend sollte eine Mosaik in Grisaille am Boden sichanschließen. Der Staat räumte dem Meister ein Atelier imLonvre ein. Aber über der Ausführung brach die zweite Re-publik zusammen. Und damit war auch Chenavards Werk be-graben. Das Kaiserreich gab der Heiligen Genoveva abermalsihren Tempel zurück. Außerdem regte sich klerikale, aber auchkünstlerische Gegnerschaft. Letztere schrieb Chenavard haupt-sächlich dem Umstand zu, daß er für seine Arbeit keinen Lohnvom Staat haben wollte. Schon unter der Republik sei einevon Malern unterzeichnete Liste herumgegangen, die verlangten,daß der Auftrag zurückgezogen werde. Horaee Veruet selbst habedie Eingabe entworfen und an erster Stelle unterzeichnet.Vernet, so erzählt Chenavard , hatte sein Atelier, gleich mir, imLonvre. Wir mieden uns, da wir einander nichts Liebens-würdiges zu sagen hatten. Eines Tages stießen wir aber dochauf einander, und man mnßte sich grüßen. Ich ergriff dieGelegenheit, meinem Nachbar die Meinung zu sagen. Er ant-wortete mir, daß ich die Kunst herabsetze, indem ich unentgeltlicharbeitete. Also, erwiderte ich, hat auch Michel Angelo dieKnust herabgesetzt, indem er das Jüngste Gericht ohne Bezahlungmalte, er hat nie einen Son dafür bekommen. Ich scheremich den Teufel um Michel Angelo, fuhr Vernet darein. MeineMalerei soll man mir bezahlen. Sie verderben das Handwerk,um so schlimmer für Sie.

Eines der Hauptstücke des Gesamtwerkes war ein Bild,welches Chenavarddie göttliche Tragödie" nannte. Es versinn-lichte, wie der Reihe nach eine Religion die andere verdrängt,von der indischen und egyptischen durch die heidnischen derGriechen und Germanen bis zum Christentum, das wieder derPhilosophie weicht. Das Christentum, in edler Auffassung,bildet den Mittelpunkt des Gemäldes, das später, in vollenFarben ausgeführt, in einer Pariser Ausstellung figurierte undanch einmal in München ausgestellt war. Eine kleine Photo-