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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
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Siebentes Kapitel.

Chenavard hatte sie ihm im Innern ausgemalt. Im Winterwohnte Rossini in der Chaussse d'Antin in meiner nächstenNachbarschaft. Unsere Wege kreuzten sich beinahe täglich, undimmer erfreute ich mich an dem Bilde breiter, gesättigter Behag-lichkeit, das an mir vorüberwandelte. Kein römischer Senator,eher ein neapolitanischer Komiker; das wohlgenährte Schmer-bäuchlein mit einer bunten Sammetweste bedeckt, auf der einedicke goldene Uhrkette lagerte; in dem freundlich glänzendenAntlitz stets ein Zug gutmütiger Ironie. Er sprudelte vonBonmots, und wer ihn kannte, wußte davon stets neu erlebteauszugraben. So auch Chenavard. Eine merkwürdige Geschichtejedoch hat er mir nie von ihm erzählt, die ich im oben er-wähnten Nekrolog desTemps " finde, und die so interessant ist,daß ich mir nicht verzeihen würde, sie hier nicht wiedergegeben znhaben.

Rossini erzählt von einer Reise, die ihn im Jahre 1822nach Wien führte, wo er Beethovens Bekanntschaft machenwollte. Beethoven war zwar nicht Rossinis Ideal, sondernMozart . Auch darin kennzeichnete sich die Schattierung derbeiden Freunde, daß Chenavard das ernste Genie dem heiterenvorzog, während der andere behauptete, Beethoven sei nicht imstände, eine einzige wahre Melodie zu finden! Dennoch stellteer ihn sehr hoch und bat Salieri , die Bekanntschaft zu vermitteln.Nun erzählt Rossini: Die Wohnung, in die wir eintraten, warklein und schmutzig. Alles atmete Unordnung und Dürftigkeit,und ich fühlte mich beklommen. Ach, mein armer Gioacchino,sagte ich zu mir im stillen, mach die Augen auf! Da bist dubei einem Mann, der sicher viel mehr Genie besitzt, als du jehaben wirst, und dieser Mann lebt in solchem Eleud! Laß dirdas zur Lehre dienen. Wir gelangten in das Gemach, woBeethoven sich befand; ich sah vor mir einen Mann von ge-drungener Gestalt, mit gerötetem Antlitz, mit unruhigem,finsterem Blick, der aufstand und auf uns zukam, ohne ein Wortzu äußern. Ich wußte von seiner Taubheit und schrie ihm insOhr: Meister, ich komme, um in Ihnen den Nachfolger desgrößten Musikers, der je gelebt hat, Mozarts , zu begrüßen.Beethoven sah mich starr an, nud allem Anschein nach, um sich