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Siebentes Kapitel,
hältnis wieder aufnahmen. Ebenso ging es mir mit Chenavard.Zum letztenmal besuchte ich ihn im Herbst 1893. Das hoheAlter fing an, auf ihm zu lasten. Er ging nicht mehr aus.Aber seine Sinne waren noch gut und sein Geist lebendig. Erließ sich über Deutschland von mir erzählen; wie alle Franzosenheutzutage interessierte ihn besonders die Psychologie unseresjungen Kaisers.
Wenn man so manchen öffentlichen Meinungswechsel erlebthat, imponiert einem der jeweilig herrschende nicht über dieMaßen. Lese ich z. B. die Tiraden über den gemeinsamenEinzug der französischen und russischen Schiffe in Kiel , soerinnere ich mich an die Gerichtssitzung im Justizpalast an derSeine, in den mich der feurige Republikaner Emanuel Arago ein-geführt hatte, um seine begeisterte Verteidigungsrede für Bere-zowsky, den Urheber des Attentats aus Kaiser Alexander II., znhören.
Und wer hätte noch vor einem Jahrzehnt für möglich ge-halten, daß die Wnt gegen Richard Wagner dahin umschlagenkönnte, daß Frankreich der Boden des größten Triumphes würde,den er je in der Welt gefeiert hat!
Jüngst besuchte mich in Berlin ein französischer Gelehrter,einer der ersten unter seinesgleichen. Er widmet sich ganz be-sonders der studierenden Jugend. Wir besprachen natürlich dasewige Thema: das Verlangen nach der Revanche. — In derneuesten Zeit, sagte er, hat sich's bei der jüngeren Generationentschieden abgeschwächt, „il a rme ästsnts". Aber, setzte eralsbald hinzu, als ich kürzlich dabei war, wie Truppen nachMadagaskar eingeschifft wurden, und sah, mit welch frenetischemJubel die Bevölkerung selbst auf diesen unbedeutenden Kriegszugdie?ioupious (jungen Soldaten) entließ, wurde mir doch wiederklar, wie wenig dazu gehört, um diese Flamme jeden Augenblickneu zu entfesseln.
Unter den französischen Malern, die ich im Laufe der Zeitenteils durch Ricard, teils auf andere Weise kennen lernte, zeichnetsich Fromentin, der Spezialist der orientalischen Landschaften undReiter, durch einen feinen und litterarischen Geist in liebenswürdigsterForm aus. Seine Unterhaltung war lebhaft, seine Haltung be-