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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
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Paris .

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Weg nach dem Justizpalast anzutreten, und niemandem fällt esein, darin ein Herabsteigen zu einem geringeren Grad gesellschaft-lichen Ranges zu erblicken. Solche Ausfassung des Anwaltsberussist begreiflicherweise von großer Wichtigkeit für die Stellung,welche der Verteidiger den Präsidenten und Staatsanwälten gegen-über einnimmt, und daher von heilsamer Wirkung für die Sacheder Gerechtigkeit.

In den letzten Jahren des zweiten Kaiserreichs, als dieAnzahl der süns Oppositionsmänner, welche Jahrelang den Kampfgegen die Regierung in der Deputiertenkammer geführt hatten, sichzu einer größeren erweiterte, ward auch Arago in das Parlamentgewählt. Als Redner that er sich nicht hervor, aber seine Stentor-stimme gab seinen Unterbrechungen der Majoritätsredner einegewisse Berühmtheit. Ich hörte ihn bei einer sensationellen Ver-anlassung plädieren. Der junge Pole Berezowski, welcher 1867bei der Anwesenheit des Kaisers von Rußland auf diesen in demBois de Boulogne einen Schuß abgefeuert hatte, ohne ihn zutreffen, ward vor den Geschworenen von ihm verteidigt, und Aragospolenfreundliches Pathos brachte es fertig, dem Angeklagtenmildernde Umstände zu verschaffen, so daß er nur zu lebens-länglicher Zwangsarbeit, resp. Transportation verurteilt wurde.

Arago war ein lebenslustiger, liebenswürdiger Gesellschafter,der seinen unerschöpflichen Schatz launiger Anekdoten, wenn auchetwas häufig, doch immer geschickt anzubringen und hübsch vor-zutragen verstand. Er war der Typus der kordialen Form desPariser Umgangs, und bis znm Krieg lebte ich mit ihm auf demFuß einer heiteren Intimität.

Seine vielfachen Beziehungen zur Welt der Litteratur unddes Theaters verschafften mir manchen belehrenden Einblick,namentlich war er in jüngeren Jahren mit dem Hause der GeorgeSaud eng befreundet gewesen und wußte viel daraus zuerzählen.

In den kritischen Tagen vor der Kriegserklärung, unmittelbarehe ich die Rückreise nach Deutschland antrat, zwischen dem 6. und14. Juli 1870, war er täglich bei mir und in heftiger Aufregungwegen der Anzeichen des kriegerischen Vorgehens.