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Ich habe schon oben gelegentlich erwähnt, wie der Krieg,nachdem die erste Spannung überwunden war, unsere freundschaft-lichen Beziehungen ganz unberührt ließ. In den Jahren von1860 bis 1870 hatte Lanfrey sehr viel in meinem Hause verkehrt,und es hatte sich ein wirklich freundschaftliches Verhältnis ge-knüpft. Die strengen Grundsätze seines Charakters paarten sichin eigentümlicher Weise mit einer leichten und schalkhaften Kon-versation, die auch seinen Briefen das Gepräge gab. In derGesellschaft, welche, wie bemerkt, mit dem napoleonischen Hofin offener Fehde lag, war er sehr beliebt, und bei schönenFrauen hatte er viel Glück, wie das bei einem hübschen, pikanten,jungen Schriftsteller von Erfolg nicht anders sein konnte. Einecharakteristische Anekdote lieferte ein Ausspruch, den er eiues Tageseiner älteren Freundin gegenüber that, die mir den Vorfall selbstwieder erzählte.
In einem intimen Gespräch kam sie darauf, ihm zu sagen,daß es wohl jetzt Zeit für ihn sei, ans Heiraten zu deuken.Woranf Lanfrey: Heiraten kann ich nicht, denn ich bin in eineWittwe verliebt. — Aber warum heiraten Sie die denn nicht? —Er: Der Mann ist eben noch nicht tot. — Diese Antwort istnicht so derb, oder, wenn man will, eynisch, wie jene, welche einanderer älterer Jungeselle, der bekannte italienische, in Paris lebende Bimetallist Cernnschi einer Freundin auf dieselbe Frage,warum er uicht heirate, erteilte: Ug,cls,rns, ^ ms c-ontönts äsl'aäultsrs. übrigens sind es, meiner Beobachtung nach, immernur die Frauen, welche Männern zum Heiraten zureden. Ichkann mich uicht erinnern, daß ein Mann einen solchen Rat erteilthätte.
In drei oder vier Salons war Lanfrey stehender Gast. Zu-nächst in dem meiner Frennde d'Alton-Shse uud Madame Zaubert,von denen noch die Rede sein wird, sodann in dem der von FrauMohl und endlich bei Fran von Peyronnet.
Jules Mohl war der bekannte Professor der orientalischenSprachen, den sein Lebenslauf aus Württemberg nach Paris ge-führt und dort festgehalten hatte, wo er eine hohe wissenschaftlicheStellung einnahm. Die Anfänge seiner französischen Lanfbahnknüpften an die Regierung Ludwig Philipps au; auch blieb er
Bambergcrs Erinnerungen. 28