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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
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Paris .

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Begegnung nicht mehr, aber ich konnte die Umstände zutreffendfeststellen, und wir amüsierten uns noch oft über die patriar-chalische Einfachheit der damaligen Reichsministerien.

Jules Mohl , von dem hier in der Hauptsache die Rede ist,hatte eiue Engländerin, Miß Clarke, geheiratet, die um siebenJahre älter war als ihr Mann. Sie war eine der Celebri-täten des geselligen Paris , hatte in jungen Jahren zum Freundes-kreis der Madame Recamier gehört und von da an zu allen Zeitenihre Anziehungskraft ans die gelehrten Kreise ausgeübt. Sie wareine änßerst geistreiche uud noch mehr originelle Person, die einbiblisch hohes Alter erreichte. Sie starb erst im vorletzten Decenniumdieses Jahrhunderts, und wie hoch sie selbst mit diesem in dieAchtzig gekommen war, wnßte man nie genau. Ihr Leben istmehrmals in vielgelesenen Schriften erzählt; ihr Salon darin be-schrieben worden. Ihre Nichte, Frau vou Helmholtz, hat ihr fürdie Geselligkeit eine Zeitlang sekundiert und wohl dabei den Grundzur Virtuosität iu der Schaffung und Leitnng ihres Berliner Salonsgelegt, der dem besten, was ich ehemals vou dergleichen in Paris gekannt habe, durchaus gleichstand.

War der Salon Mohl nnr beiläufig autibouapartistisch an-gehaucht, so war es der Salon Peyronnet durchaus. Die Damedes Hauses war die Schwiegertochter des Ministers, welcher imKabinet Karls X. zur Zeit der Julirevolution gesessen hatte und vonder Pairskammer zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt wordenwar, aus dem er im Jahre 1836 entlassen wurde. Sie war einehöchst talentvolle Frau, die uuter dem Namen Horace de la Gardiean derksvus äs ?g,ris" mitarbeitete. Ihre politischen Über-sichten gehören zum Geistvollsten und Treffendsten, was in jenerZeit gegen die Regierung Napoleons III. geschrieben wnrde.Lanfrey war Mitarbeiter an derselben Revue, und in derselbenerschienen nach und nach die ersten Teile seiner Geschichte Napoleons, die ebenfalls bewußterweise der Tendenz dienten, die NapoleonischeLegende zu diskreditieren. Unter solchen Bewandtnissen kann mansich vorstellen, welche Stütze des Salons ein Mann wie Lanfrey war.

Schon vor feiner Geschichte Napoleons hatte er sich dnrchPublikationen philosophisch-politischen Inhalts einen Namen ge-macht. Er arbeitete sehr schnell uud mit einer begrenzten Anzahl

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