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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
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Siebentes Kapitel.

von Quellen, außer den französischen nur noch englische. Diedeutsche Sprache war ihm fremd. Heutzutage würde schwerlichein französischer Historiker sich an eine solche Aufgabe machen,ohne auch deutsch zu verstehen. Fünf Bände erschienen bis zumAnsbrnch seiner Krankheit. Mit dem sechsten beschäftigte er sichnoch während derselben, und als er starb, war das Manuskriptauch vollendet. Aber er hinterließ die Verfügung, daß es nichtveröffentlicht werden dürfe, weil er dasselbe nicht noch einmal durch-gesehen hatte ein Beleg der peinlichen Gewissenhaftigkeit, dieer in allen ernsten Dingen beobachtete.

Ein Mann seiner Denkweise und ein französischer Patriot oben-drein konnte natürlich sich von Bismarcks Person nicht angezogenfühlen. Als ich im Jahre 1866 offen für die Bismarckfche Po-litik Partei nahm, gab es natürlich zuweilen Auseinandersetzungenzwischen uns, denen meine zuerst in derRsvns moäsrllö" erschieneneSchrift über Bismarck besondere Nahrung gab. Aber die Polemikwurde immer in friedlichem, oft in humoristischem Ton geführt.In seinen Briefen nannte er mich suxxöt äs lZiswarol!, SchergeBismarcks, und mehrmals schlössen sie mit dem ironischen Ruf:Lismarolc tor sver!

Gleich nah befreundet wie mit Lanfrey ward ich zur selbenZeit mit einem anderen Schriftsteller. Er hieß Leon de Wailly und war eine höchst anziehende Persönlichkeit. Mit Lanfrey hatteer gemein, daß er keinerlei französischen Typus in seiner Sinnes-art repräsentierte. Er war älter als die meisten unseres Kreises,im Jahr 1804 geboren, aber dabei von einer Jugendlichkeit desKörpers und des Geistes, wie ich sie kaum je an einem anderenMenschenexemplar beobachtet habe. Zu sechzig Jahren hatte ernoch das schönste, gelockte, üppige, schwarze Haar und die an-mutigste Gelenkigkeit der Bewegung bewahrt. Er entstammteeiner alten Gelehrtenfamilie, die wenigstens ein halbes DutzendSchriftsteller mehr oder minder bedeutender Notorietät bis aufdie neueste Zeit geliefert hat. Seine Arbeiten bewegten sich aufdem Gebiet der fchönen Litteratur, und obwohl sie über demDnrchfchnitt standen, war doch, wie das oft vorkommt, der Menschdem Schriftsteller weit überlegen. Seine Konversation war außer-ordentlich anziehend und, obgleich maßvoll, immer im Fluß.