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Erinnerungen / von Ludwig Bamberger
Entstehung
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Siebentes Kapitel.

Der wilden Ehe d'Agoult-Liszt mit ihren drei natürlichen, odergenaner zu sagen, adnlterinischen Kindern kam allerdings nochdie Berühmtheit der Namen zu Hilfe, um sie von allen Hinder-nissen in ihrer gesellschaftlichen Stellung frei zu machen. Dochwäre das in solchem Grade uicht möglich gewesen, wenn nicht inFrankreich von jeher die Lebensgewohnheiten ich sage nicht dieSitte, weil das etwas zu tief in das Gebiet der Moral eingrisfe, sich mit solchen Vorkommnissen wegen ihrer Häufigkeit abgefundenhätten. Und die Häufigkeit erklärt sich einerseits durch die Vor-herrschaft der geschlechtlichen Neigungen, andererseits durch dasErziehungssystem, demgemäß die jnngen Mädchen bis zn ihrerVerheiratung unter strenger Aufsicht vielfach iu Klösternaufwuchsen und mit dem Leben uud seinen Reizen erst bekanntwurden, wenn sie in den Ehestand traten. Daher bekanntlich derfranzösische Roman und das Schauspiel sich mit den verehelichtenFrauen, d. h. mit dem Ehebruch beschäftigt. Dazu kam noch,daß bis ins erste Jahrzehnt der dritten Republik die Scheidungaus dem Code durch die Restauration gestrichen worden war.So gab es eine große Zahl von Franen, die nicht mit ihrenMännern lebten, aber keine neue Ehe schließen konnten, und nunauf eine freie Verbindung angewiesen waren. Es geschah mirmehr als einmal, daß ich in sehr ehrbaren vornehmen Häusernan einem Abend mehr getrennte als in regelmäßiger Ehe lebendeFrauen versammelt fand. Ehrwürdige Damen aus dem FaubourgSt. Germaiu und streng katholische Prinzen der bourbonischenLegitimität lebten in schönster Intimität mit Damen, die Unglückin ihrer Ehe gehabt und sich mit verschiedenen Verehrern ge-tröstet hatten, deren Sprößlinge in der Familie nuter wahrenoder unter falschen Namen heranwuchsen. Ob sich das geänderthat, seitdem die vollgiltige Ehescheidung wieder eingeführt ist undseitdem auch die jungen Mädchen etwas mehr von der Freiheiterobert haben, die sie bei den nicht-romanischen Nationen, nament-lich in Deutschland, England und Amerika genießen, habe ich, daich seit dreißig Jahren immer nur vorübergehend, und nie imWinter, der eigentlichen Gesellschaftszeit, mich in Paris aufgehaltenhabe, nicht beobachten können. Nur soviel weiß ich, uach allenmir aus den verschiedensten Quellen reichlich zufließeudeu Schil-