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Studien über Geld- und Bankwesen / von Karl Helfferich
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erhalten zu können. Damit war die Goldwährung völlig durch-geführt.

Übersieht man diese Entwickelung, so wird man zugebenmüssen, dass wohl kaum jemals eine Aktion der Gesetzgebungdurch die thatsiiehliche Entwickelung gründlicher vorbereitet war,als Englands Ubergang zur Goldwährung. Es handelte sich nurdarum, für die thatsächlich vorhandene Münzverfassung die gesetz-liche Formel zu finden, um weiter nichts. BimetallistischenSchriftstellern scheint die Wahrheit allerdings etwas unbequemzu sein, wohl besonders deshalb, Aveil die englische Goldwährungsich in einer allen bimetallistischen Glaubensartikeln hohn-sprechenden Weise aus einer gesetzlichen Doppelwährung ent-wickelt hat.

Deshalb ist von bimetallistischen Geschichtsschreibern, wiedem Amerikaner Dana Hoston, die Behauptung aufgestellt undverbreitet worden, das System der Goldwährung sei von LordLiverpool frei erfunden und gänzlich ungerechtfertigterweise ver-mittelst eines Willküraktes an die Stelle der bis dahin in England geltenden Silberwährung gesetzt worden; das ist genau dieselbeMethode, nach welcher bei uns in Deutschland die Einführungder Goldwährung von ihren wissenschaftlich sein wollenden Gegnernauf den verblendeten Doktrianismus einiger Manchesterleute, wennnicht gar auf die Schlechtigkeit von Grosskapitalisten, zurück-geführt wird.

In Wirklichkeit hat sich, wie Kalkmanns Feststellungenunwiderleglich beweisen, die Goldwährungstheorie aus der inEngland während des ganzen vorigen Jahrhunderts thatsächlichvorhandenen Goldwährung, die aus dem Versagen der gesetzlichenDoppelwährung entstanden war, herausgebildet. Lord Liverpool hat nicht das Goldwährungssystem erfunden, sondern die Gold-währung war lange da, ehe sie theoretisch als System begriffenwurde. Die Goldwährung ist also, wie sich hier an ihrem erstenUrsprung deutlich zeigt, nicht das Produkt einer verkehrten Theorie,sondern sie ist mit unbedingter Notwendigkeit hervorgegangenaus dem Bestreben, Gold und Silber in einer ihren besonderenEigenschaften entsprechenden Weise gleichzeitig im Umlauf zuerhalten, nachdem und weil das bimetallische System sich in derErfahrung eines vollen Jahrhunderts als untauglich zu diesemZweck erwiesen hatte.

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