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Die 'wissenschaftliche' Leistung des Herrn Ludwig Bamberger : ein Nachspiel zu meinen 'Arbeitergilden der Gegenwart' / von Lujo Brentano
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welche von höheren Gesichtspunkten aus Forderungen bezüglich desindustriellen Lebens zur Geltung brachten. Und in der That, es istbemerkenswert?!, dass Herr B. als Freihändler sich jetzt derselbenArgumente bedient, welche ehedem die Schutzzöllner den deutschenFreihandelsbestrebungen entgegensetzten (vgl. Degenkolb, Arbeits-verhältnisse, 2. Auf!., 1849). Allein ganz anderer Ansicht warenAdam Smith und J. G. Hoffmann. Gerade im Gegentheil meintensie: bei aller Ehrlichkeit sähen die einzelnen Gesellschaftsklassendie wichtigste Nationalangelegenheit stets in der Förderung ihrerSonderinteressen, und eben mit Rücksicht hierauf waren sie keines-wegs gegen das von Herrn B. (S. 60) perhorrescirte SichdreinmengenderApostel der Wissenschaft. Aber freilich auch sie waren Pro-fessoren, dieden Kampf urns Dasein im Schatten eines umfriedetenStudienkreises bewältigten, mit den Unternehmern nichtfühltenund rechneten, vielmehr oft recht schlecht von ihnen sprachen, undhoch zu Ross auf ihrer Theoriemit Tamerlanischer Gleichgültig-keit auf die Leichen der Erschlagenen blickten! (S. 60.)

Indessen ist jene Auffassung des Herrn B. keineswegs auf dieUnternehmerkreise beschränkt; sie findet sich ebenso in Arbeiter-kreisen. Im Jahre 1840 erschien in Frankreich ein JournallAtelier,dessen oberster Grundsatz war,dass man, um gründlich die Lageder Arbeiter zu kennen, selbst Arbeiter sein müsse (Stein, Socialis-mus und Communismus, S. 432); ich selbst erinnere mich ferner einerConversation mit einem Uhrmacher in London , einem hervorragen-den Mitgliede der Internationalen, der mit der grössten Verachtunggegen mich mir versicherte, nur wer selbst Handarbeiter sei, könne dieArbeiterfrage verstehen; und offenbar kennt Herr B. ebensowenigwie die englische Geschichte die Pamphlete und Zeitungen der eng-lischen Arbeiter, in denen sie sich über die poetischen Harmoniender älteren ökonomischen Doctrinäre ergötzen, eine Beurtheilung,die in ernsteren Zeiten in der Denunciation der National- Oekonomieals einer vom Capital zur Unterdrückung der Arbeit erfundenenTheorie zum Ausdruck gelangt. Und in der That, wenn man alsVorbedingung eineswissenschaftlichen Nationalökonomen verlangt,dass er Unternehmer, warum nicht auch, dass er Handarbeiter ge-wesen sei?! Besteht die Volkswirthschaft etwa nur aus einem Aggre-gat von Unternehmerwirthschaften, oder nicht vielmehr von ebenso-viel Einzelwirthschaften, als gesonderte Bedürfnisskreise bestehen,welche eine ausschliesslich auf sie beschränkte Herstellung und Ver-