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Die 'wissenschaftliche' Leistung des Herrn Ludwig Bamberger : ein Nachspiel zu meinen 'Arbeitergilden der Gegenwart' / von Lujo Brentano
Entstehung
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mit dem Drang nach durchgreifender Reorganisation der Gesellschaftseine Richtigkeit. Denn, um von dem Letzteren zuerst zu reden:als Regel wird unter einer solchen Reorganisation eine Neuordnungder Gesellschaft durch Gewalt auf Grundlage neuer Principien ver-standen. Nun stehe ich aber bei Allem, was ich als nothwendigoder wünschenswerth zeige, auf dem historisch gegebenen Boden, binvor Allem darauf bedacht, die geschichtliche Continuität streng zuwahren, und statt einer durchgreifenden Reorganisation der ganzenGesellschaft erstrebe ich allenthalben den- concreten geschichtlichenVerhältnissen angepasste Reformen, die nöthig sind, um die be-stehende Organisation der Gesellschaft zu erhalten. Mit demStyl der kühnsten Neuerer, scheint mir, hat dies recht wenig gemein.Was sodann jenen Vorwurfromantischer Hinneigung u. s. w. an-geht, so erklärt er sich einmal aus vorgefassten Meinungen desHerrn B. gegen mich, sodann aus seinem absoluten Mangel anhistorischem Sinn, den wir bereits bei Prüfung seiner positiven Dar-stellung kennen gelernt haben und der sich in einer Reihe vonStellen seines Buches in Ausfällen gegen mich wegen meiner An-knüpfung der Gewerkvereine an das gewerbliche Leben der Ver-gangenheit äussert, und endlich aus einem unzureichenden Verständ-nisse der Anforderungen, die an eine wissenschaftliche Behandlunggesellschaftlicher und wirtschaftlicher Fragen zu stellen sind. Ichwill versuchen, Herrn B. kurz auseinanderzusetzen, wie sich dieSache verhält.

Die Aufgabe der Wissenschaft, darin wird Herr B. mit mirübereinstimmen, ist die Darlegung des ursächlichen Zusammenhangesder Dinge. Als Consequenz ergiebt sich hieraus, dass es vor Allemdarauf ankommt, die Entstehung einer Erscheinung zu erforschen;und demgemäss verwandte ich auch grosse Mühe und Sorgfalt aufdie Erforschung der Entstehung der Gewerkvereine. Ich fand, dassin allen Gewerben, bezüglich deren überhaupt Nachrichten vorhandensind, die Gewerkvereine im vorigen und zu Anfang dieses Jahrhun-derts entstanden in einer Zeit des Uebergangs, nämlich bei Auf-lösung der alten Ordnung der Industrie unter den bei dieser Auf-lösung Leidenden zunächst zum Zweck ihrer tatsächlichen Aufrecht-erhaltung. Dies war eine äusserst interessante Entdeckung. Nunkam aber noch etwas Weiteres hinzu: Die englischen Gewerkvereinezeigen nämlich in Einrichtungen und Geist eine so augenscheinlicheAehnlichkeit mit den alten Gilden, dass ihre Freunde wie ihre Feinde-