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Die 'wissenschaftliche' Leistung des Herrn Ludwig Bamberger : ein Nachspiel zu meinen 'Arbeitergilden der Gegenwart' / von Lujo Brentano
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im Einzelnen zwischen uns wohl recht häufig sein, da Herr B. aufS. 20 erklärt,das Höchste, was er der obersten Ueberwachung zu-traue, sei die negative Leitung. Es tritt hier in der That eintiefer liegender Unterschied zu Tage, der zwischen uns Beiden be-steht, und der sich auch an einer Stelle des Buches des Herrn B.(S. 53) äussert, wo er die Nationalökonomie sehr zu ihren Ungunstenmit der Arzneikunde vergleicht:Je mehr die Naturwissenschaft vor-dringt, desto bescheidener wird unsere praktische Medizin. . . . Nichtso die Apotheke unserer jungen Wirthschaftslehre.

Der zwischen den sogenannten deutschen Freihändlern und meinerAnschauung bestehende tiefer liegende Unterschied erscheint hiernachals eine Verschiedenheit der Anschauung über die Möglichkeiteines berechneten Eingreifens in das Wirthschaftsleben. Von den so-genannten deutschen Freihändlern wird als Regel diese Möglichkeitmit dem Hinweis auf die Naturgesetze des wirthschaftlichen Lebensbestritten, deren Lauf durch keinerlei Eingreifen geändert werdenkönne. Nun ist es mir allerdings fraglich, ob Alles, was die bis-herige Nationalökonomie als Naturgesetz annahm, als solches wirklichsich halten lässt. Die Frage des Bestehens einzelner bestimmterNaturgesetze ist jedoch eine Frage für sich, und wer irgend mitmeinen Arbeiten bekannt ist, wird bezeugen, dass mir nichts fernerliegen kann, als die Existenz von Gesetzmässigkeiten im gesellschaft-lichen und wirthschaftlichen Leben im Allgemeinen zu leugnen. Alleinwo immer es der Natur allein überlassen wird, durch ihr WirkenUnordnungen zu beseitigen und nothwendige Fortschritte herbeizu-führen, ist sie grausam, Kräfte verschwendend und zerstörend in ihremSchalten. Nach Erkenntniss der Naturgesetze kann es deshalb dieAufgabe des Menschen nicht sein, alles dem Wirken der Natur zuüberlassen und sich ganz abgesehen von dem Eingreifen, welchesden Naturgesetzen zuwider ist, auch jeglichen berechneten Wirkenszur Ergänzung jener Mängel der Natur zu enthalten. -Es ist viel-mehr ein menschliches Eingreifen nöthig, ein Eingreifen, welchesentweder durch Beseitigung der Ursachen verderblicher Erscheinungendie Nothwendigkeit des Eintritts der letzteren beseitigt, oder welchesda, wo man es mit unabänderlich gegebenen Ursachen zu thun hat,eine Anticipation ist des natürlichen Wirkens. So beseitigt der Arztmit kühnem Schnitt das dem Brande verfallene Glied um Kräftezu schonen, Schmerzen zu ersparen und den ganzen Körper zu retten.Von demselben Gesichtspunkte aus hat es Huxley vor einigen Jahren