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Die 'wissenschaftliche' Leistung des Herrn Ludwig Bamberger : ein Nachspiel zu meinen 'Arbeitergilden der Gegenwart' / von Lujo Brentano
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über die Staatssphäre, so doch, weil sie an der Möglichkeit des Ge-lingens verzweifeln, gegen jegliche positive Regelung des Wirthschafts-lebens. Im Gegensatz zu dieser Anschauung halte ich nun, ähnlich wie dieneueste medicinische Schule dafür, dass uns die Erkenntniss der Naturge-setze nicht nur dazu dienen könneund solle, uns vor jeglichem diesenGesetzen widersprechenden Verhalten zu bewahren, sondern auch dazu,um unser Leben diesen Gesetzen entsprechend positiv einzurichten.

Bezüglich dieser Einrichtung besteht aber noch ein weitererGegensatz zwischen Manchesterschule und Kathedersocialismus. DerLetztere behauptet, die Volkswirthschaft solle aufethischen Grund-lagen beruhen. Herr B. dagegen erklärt es ,(S. 40) fürerhabenenUnsinn, von einer ethischen Richtung in der Volkswirthschaft zureden. Allein auch hier gilt, wie so oft wo Herr B. tadelt, derSatz: Ars non habet osorem nisi ignorantem! Indess wäre es unge-recht, ihm hier allein die Schuld seiner Unwissenheit zuzuschreiben,denn in der That,von ethischer Volkswirthschaft ist in den letztenJahren Von Vielen in einer Weise geredet jvorden, dass man nursagen kann: Vergieb ihnen, denn sie wussten nicht, was sie thaten!Ich will nun kurz auseinandersetzen, welches der Sinn ist, in welchemich in meinen bisher veröffentlichten Schriften für ethische und all-gemein politische Gesichtspunkte bei Behandlung wissenschaftlicherFragen Beachtung beanspruchte, und in welcher Weise ich in meineneinleitenden geschichtlichen Vorlesungen über Nationalökonomie imNovember 1872 meinen Zuhörern klar zu machen suchte, was unterVolkswirthschaft auf ethischer Grundlage zu verstehen sei.

Die Sache ist höchst einfach. Die politische Oekonomie beschäf-tigt sich mit den materiellen Interessen der Völker, mit der wirth-schaftlichen Seite des Volkslebens. Indem sie dieses thut, geht siejedoch keineswegs von der Anschauung aus, dass die Erzeugung undAnhäufung von Reichthum das Hauptziel des Strebens eines Indi-viduums oder einer Nation sein solle. Sie betrachtet die materiellenGüter vielmehr deshalb besonders, weil materielles Wohlbefinden dienothwendige Bedingung zum sittlichen und intellectuellen Wohlbefin-den des Einzelnen, eines ganzen Volks und des Menschengeschlechtsist, und weil materieller Reichthum nothwendig ist zur Erreichungder Zwecke und zur Blüthe des Staatswesens: also untergeordnetunter allgemein ethische und allgemein politische Gesichtspunkte.Dies beweist der Gang und die Entwicklung der ökonomischen Wissen-schaft. Alle die Schriftsteller des Alterthums, welche ökonomische