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Die 'wissenschaftliche' Leistung des Herrn Ludwig Bamberger : ein Nachspiel zu meinen 'Arbeitergilden der Gegenwart' / von Lujo Brentano
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ohne Zweifel, ein sehr guter Grund, mit grosser Umsicht zu gesetz-gebend, unsern Weg zu tasten, alle die Einzelheiten dieser Billwohl ins Auge zu fassen. Aber es ist sicherlich nicht wahr, dassjede Beschränkung der Arbeitsstunden diese Folgen erzeugen müsste.Und ich muss sagen, dass ich verwundert bin, wenn ich Männervon ausgezeichneter Befähigung und Kenntniss die Behauptung,einer Verminderung der Arbeitszeit müsse eine Verminderung derArbeitslöhne folgen, als eine allgemein wahre Behauptung, als einedes strengen Beweises fähige Behauptung, als eine Behauptung auf-stellen höre, über die so wenig Zweifel bestehen könne, als überirgend einen Lehrsatz im Euklid . Sir, ich leugne die Wahrheit derBehauptung, und aus diesem einfachen Grund. Wir haben bereits,durch Gesetz, die Arbeitszeit in Fabriken wesentlich reducirt. Vordreissig Jahren sagte der verewigte Sir Robert Peel *) dem Hause,dass es ein gewöhnlicher Gebrauch sei, acht Jahr alte Kinder fünf-zehn Stunden des Tags, in Fabriken arbeiten zu lassen. Es istseitdem ein Gesetz gemacht worden, welches Personen, die unterachtzehn Jahren alt sind, verbietet, mehr als zwölf Stunden desTags in Fabriken zu arbeiten. Dieses Gesetz wurde genau ausdenselben Gründen bekämpft, aus denen die vor uns liegende Billbekämpft wird. Es wurde damals dem Parlamente gesagt, wie ihmjetzt gesagt wird, dass mit der Arbeitszeit die Masse der Productionabnehmen würde, dass mit der Masse der Production die Löhneabnehmen würden, dass eure Manufacturisten ausser Stande seinwürden, mit fremden Manufacturisten zu concurriren, und dass dieLage der arbeitenden Bevölkerung, statt durch die Einmischung derGesetzgebung gebessert worden zu sein, verschlimmert werden würde.Leset jene Debatten durch, und ihr könnt euch einbilden, dass ihrdie Debatte dieses Abends läset. Das Parlament berücksichtigtejene Prophezeiungen nicht. Die Arbeitszeit wurde beschränkt. Sinddie Löhne gefallen? Hat der Handel mit baumwollenen WaarenManchester mit Frankreich oder Deutschland vertauscht? Ist dieLage der arbeitenden Bevölkerung unglücklicher geworden? Ist esnicht allgemein anerkannt, dass die Uebel, die so zuversichtlich vo-rausgesagt worden, nicht eingetreten sind. Man verstehe michwohl. Ich behaupte nicht, dass, weil ein Gesetz, das die Stundender täglichen Arbeit von fünfzehn auf zwölf reducirte, die Löhnenicht herabbrachte, ein Gesetz, das diese Stunden von zwölf autzehn oder ilf herabbrachte, nicht möglicherweise die Löhne herab-bringen könnte. Das würde ein sehr wenig schlüssiges Raisonnementsein. Was ich behaupte, ist: dass, da ein Gesetz, das die Stundender täglichen Arbeit von fünfzehn auf zwölf reducirte, 'dieLöhne nichtherabgebracht hat, die Behauptung, jede Reduction der Arbeitsstundenmüsse nothwendig die Löhne herabbringen, eine falsche Behauptung,

*) Der Vater des berühmten Staatsmannes.