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Politische Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert / von Georg Kaufmann
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Reform und Restauration.

Wenn die Größten und Mächtigsten Dentschlands nur mit halbemdeutschen Gefühl, mit halbem deutschen Zorn hätten empfinden können, waswenigstens dreiviertel aller Gebildeten und Wissenden Dentschlands nichtnur empfanden, fondern verstanden und mit taufeud und abertnnsend hellenund klaren Stimmen durch die Welt riefen, wie wäre es möglich gewesen,daß in Wien und in Paris die Sachen des Vaterlandes hätten geführt undentführt werden können, wie uus geschehen ist?

Das bezieht sich zunächst auf die äußere, doch auch auf die innerePolitik. DerRheinische Merkur" aber schrieb im Frühling 1815bei der Rückkehr Napoleons :

Zum Kriege hat man die Völker herbeigerufen. Als es sich um ihrWohl und die Erfüllung der gemachten Versprechungen handelte, da hatman alles heimlich nnd unaufrichtig betrieben. . , , Die Völker sind bescheidenzurückgetreten, sie kommen jcttt und fragen, was fertig worden, uud manhat nichts vorzuzeigen; nicht eine Note, die des Menschen Herz erfreute, istan den Tag gekommen. Bon Seelen und Teilungen hat man viel ver-nommen, die Pflugschar hat querfeldein neue Grenzen aufgeworfen, niemandist etwas zu Danke geschehen. ... So ist es geschehen, daß Teutschland einganzes Friedensjahr fruchtlos im Kricgsstand geblieben und die Völker er-liegend unter der Last am Rande der Verzweiflung stehen und eine Scheidezwischen ihnen nnd den Regierungen, mit denen sie so einträchtig gewesen,sich aufgeworfen. . . . Stumm und dumpf und tief bekümmert stehen dieVölker vor der Kluft, die sich ihuen von neuem aufthut. . . . Die Illusionen,die das vorige Mal sie in den Kampf begleitet, sind zum größten Teilehingeschwunden, weil vou ihre» Hoffnungen nur die wenigsten in Erfüllungübergingen. Selten ist der Mut geworden, der große Lpfer willig bringt,denn von oben herab hat sich die Besonnenheit verbreitet, die vor allemihren Vorteil sucht. . . . Darum, ihr Machthaber, laßt beim Heile eurerVölker euch beschwören, endlich einmal die Zeit in ihrer Tiefe zn begreifenund oberflächlichem Rate der Schwachen ferner mehr kein Gehör zu geben... .In allen Landschaften müssen die Ständeversammlungcn berufeu werdennnd die Rechte ihnen eingeräumt, die von Gott und um des Fürstenworteswegen ihnen angehören: nicht als Gnade, noch als etwas, was sie mit Mühennd Anstrengung sich erstreiten und erkämpfen müssen, sondern was ihnennach natürlicher Billigkeit nicht vorenthalten werden kann. Sie müssen freieVollmacht haben, alle Mißbrauche, welche die Völker drücken, abzuschaffen,alle Menschen, die ihr Vertrauen verloren haben, zn entfernen, alle An-stalten, die seinem (des Volkes) Geiste entgegen sind, aufzuheben.

Die letzten Worte klingen sehr radikal, aber wenn man n. a. dieMahnung hinzunimmt, die Görres in einem der nächsten Aufsätze(Napoleons neue Politik) an die Völker richtete, nicht zu hadernmit den Fürsten und ihren Räten, und der Thatsache gedenkt, daßes allerdings ein dringendes Gebot war, gewisse Personen zu