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Politische Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert / von Georg Kaufmann
Entstehung
Seite
189
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Hessen . Wilhelm II. DciS wüste Regiment.

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Aber thatsächlich wurde die Willkür noch gesteigert. Ein Ge-heimer Kabinettsrat hatte Befugnisse, die jeden Minister lahmten,und der Kurfürst selbst gab seine Entscheidungen mit einer Rück-sichtslosigkeit, die bisweilen zu den heillosesten Verwirrungen sührte.Auf einem Papierstreifen, den er stets bei sich sührte, notierte erdie Nummer der eingereichten Berichte und danebengenehmigt"oderabgeschlagen". Da konnte es ihm begegnen, das; er eineNummer, die den Bericht enthielt, daß ein Chaussecwürter vomBlitz erschlagen sei, mit dem Vermerk versahallergnädigst abge-schlagen". Und als die Forstbehörde den langsamen Vollzug ge-wisser Maßregeln damit entschuldigte, daß die ans den Staats-waldungen lastenden Servituten das Hindernis wären, da gaber getrost die Resolution:Alle Servituten sind abgeschafft".Er wußte gar nicht, was er damit angerichtet hatte, und es sollschwer geweseu sein ihm das klar zu macheu und ihn znr Zurück-nahme der Nesolutiou zu bewegeu. So fand die ErzählungGlauben, daß er einst eiuem Diplomaten gesagt habe, das ganzeRegierungsgeschäst mache ihm nicht so viel Mühe, wie die Sorgedie Lakaien in Ordnung zu halten.

Die Hauptnot aber kam über das Land dnrch seine Maitresse,eine Emilie Ortlopp , die er zur Grüsin Reichenbach erhoben hatte.Diese Person nnd die Rücksicht ans sie beherrschte alles. Umihren Kindern große Herrschaften zu kaufen, mißbrauchte der Kur-fürst Staatsgelder, ließ z. B. auch Stelleu in Justiz und Ver-waltung unbesetzt, und um ihr Ehre zu erwciscu, quälte er seinelegitime Gemahlin, die Schwester König Friedrich Wilhelms III. von Prenßen, und seinen Sohn, den Kurprinzen. Von den Be-amten nnd Offizieren forderte er, dies Weib wie eine Fürstin zuehren, und mancher wurde gemaßregelt, weil er darin nicht ganzgefügig war. Durch deu Gegensatz gegen die Maitresse gelangte derKurprinz zu einer gewissen Popularität, und 1822 verbreitete sichdas Gerücht, die Neichenbach habe aus einem Balle den Versuchgemacht, ihn zu vergiften. Im Juni 1823 wurde dem Kur-fürsten ein Drohbrief zugesandt, worin ihm und der Reichenbachder Tod angedroht ward, wenn das Regiment nicht geändert undder Einfluß der Reichenbach nicht beseitigt werde. Nun erfolgte