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Politische Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert / von Georg Kaufmann
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Die Entwicklung der Einzelstaatcn 181S1840.

Regent ein Landesgrundgesetz bekannt mache, sei danach zu Ver-sahren, sei es auf ewige Zeiten verbindlich.

Die Vorstellung, die er von seiner Befugnis hatte, warschrankenlos: wie er die Soldaten zwang, den Zopf wieder zn tragen,so griff er in alle Privatverhältnisse ein, verbot in Fulda z. B.allen Söhneu von Bürgern nnd Bauern das Studium; nur denersten sieben Rnngktassen war es frei gegeben, und die evangelischenPfarrer durften den ältesten Sohn studieren lassen. Auswandererwurden zurückgeholt, der Fremdenverkehr in Hanau eingeschränktund dergleichen Willkür mehr geübt.

In der Stille gärte die Empörung gegen dies habsüchtigeDespotenregiment, nnd eine Petition der Diemelbauern an dieStände mit über neunzig Unterschristen erklärte 1816 rund heraus:Die Abgaben, welche wir entrichten müssen, sind unerträglichschwer. Die Franzosenzeiten waren schlimm, aber die jetzigen sind,wenn man alles Geben zusammenrechnet, noch schlimmer, undwemrs nicht unser lieber Kurfürst wäre, der ein Hesse ist so gntwie wir, so hätte das Laud nicht so lange still geschwiegen".

Als am 27. Februar 1821 die Nachricht durch die Stadt lief,daß der Kurfürst gestorben sei, regte sich sofort und überall derWiderstand: noch mitten in dem theatralischen Tranerpomp, derdiese Äleinsürsten auch nach dem Tode über das Maß der Menschenhinauszurücken suchte. Die Offiziere legten eigenmächtig den Zopfab, und als dann gleich ein Dekret des neuen Herrn Wilhelms II.erschien, daß auch die Soldaten den Zops ablegen sollten, da er-richteten sie auf dem Kasernenplatz förmliche Scheiterhaufen vonZöpfen und verbrannten sie.

Wer das sah, dem mußten sonderbare Gedanken kommen überdie Kritik, die damit sogar vom Militär an dem Regimentsdes eben verstorbenen Kurfürsten geübt wurde, der wie ein Gottgethan hatte, was ihm beliebte. Der neue Kurfürst begauu miteinigen Reformen in der Verwaltung ldurch das fogeuaunte Orga-uisatiousdekretl, die dem Ministerium eine festere Stellung unddem Lande eine passendere Einteilung gewährten, und da er auchdie kläglicheu Gehälter etwas erhöhte und durch Bauten und Hoffestedas Geschäftsteben in Kassel belebte, so war man zunächst glücklich.