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Politische Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert / von Georg Kaufmann
Entstehung
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Die Preußische Nationalversammlung.

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aber ganz radikalen Waldeck zum Vorsitzenden wählte, arbeiteteeinen neuen Entwurf aus und konnte ihn der Versammlung erstam 26. Juli überreichen, also erst nachdem die frischeste Zeit derBewegung verstrichen war und sich eine Fülle von Haß und Zornaufgespeichert und in Parteien organisiert hatte.

Man mag die Arbeit des Ausschusses rühmen, geschickt hat ernicht gehandelt; schon deshalb nicht, weil dadurch den Verhandlungendes Parlaments sür so lange Zeit der wichtigste Gegenstand ent-zogen wurde. Das erschwerte es den einander meist sremden Mit-gliedern, sich zu wirksamer Thätigkeit zusammenzufinden. Dazukamenmancherlei personliche Verhältnisse. Die ersten Sitzungen littendarunter, daß der Alterspräsident, der zweisellos hochverdiente, aberdoch von den Liberalen über das Maß hinaus gefeierte v. Schon, derehemalige Minister und Oberpräsident der Provinz Preußen , derAufgabe uicht mehr gewachsen war. Er war leidend, konnte nichtdurchdringen, versäumte auch manches. So entstanden Unsicher-heiten, die sür eine Versammlung ohne sertige Parteien, in derdie Männer ohne parlamentarische Ersahrung überwogen, doppeltverhängnisvoll werden mußten. Unter dem Präsidium von Mildeund Grabow wurde es besser; es zeigte sich, daß viel Begabungnnd gesunder Sinn vorhanden war, aber die Zeitströmung brachtees mit sich, daß Doktrinäre und Radikale leicht ein Übergewichterlangten. Dazu gesellte sich der verhängnisvolle Einfluß derStraßcudeinagvgie, die mehr als alles andere dazu beigetragen hat,daß schvu im Herbst die Reaktion siegte. Nach den Pöbelscenendes 9. Juni stellte der tapfere Harkort, den doch jede Not als einenfreiheitliebenden Bürger erprobt hatte, den Antrag, die Versamm-lung nach einer anderen Stadt zu verlegen, weil sie in Berlin imZustande der Unfreiheit" sei.

Ob das richtig gewesen wäre, mag man bezweifeln, aber wennman das nicht wollte, sv mußten die Minister den Mut haben, dieOrdnung in Berlin ausrecht zu erhalten. Die Bürgerwehr warzn dauerndem Dienst nicht brauchbar. Sie lehnte auch ab, sich einegeeignete Ordnung geben zu lassen, nnd so war aller Mut undalle Hingebung der Einzelnen vergeblich. Aber es fehlte nicht anTruppen, die den Konftablern und Gendarmen eine genügende