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Politische Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert / von Georg Kaufmann
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Die Minister und Friedrich Wilhelm IV.

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berechnet, aber sie waren doch mehr nur Ausbrüche einer Stimmunggewesen, erzeugt vou der Größe der Zeit und der Begeisterungdes Volkes zusammen mit der Größe der Gefahr. Der Königblieb immer noch belastet mit dem Druck der buudeStäglicheuTradition uud der Berehruug für das Habsburgische Kaisertum.Den Verfassungsentwurf, den seine Minister der Nanvnalversamm'lung vorlegten, nannte er von vornherein <am 16. Mai) .einelendes Machwerk", ließ aber nun nicht einen anderen ausarbeiten,sondern beharrte iu einer Stellung, die dem Könige in so schwererZeit am wenigsten ziemte. Die beiden Gerlach uud ihre Genossen,also die schroffsten Gegner der Minister, blieben seine Vertrauten.Sie nauuten sich selbst die Kamarilla, die Nebenregieruug, undschufeu iu der mit Mut nnd großem Geschick geleiteten Krenz-zeituug der Reaktion einen Sammelplatz und ein Organ, das einJahrzehnt hindurch den größten Einfluß geübt hat. Sie be-handelten die deutsche Bewegung als eine Narretei und kämpftenfür Erneuerung des Jnnkerstaats. Sie nannten das einen Kampfgegen Absolutismus lind Radikalismus, der nichts Anderes ist, alseine andere Form des Absolutismus ": sie verstanden darunter denKampf für die Feudalrechte und gegen das Königtum, das in derSteiu-Hardenbergischen Reform und jetzt iu eiuer konstitutiouelleuVerfassung eine breitere Grundlage zu gewinnen versucht hatte,als die Vasallentreue der adligen Grnndherren.

Seit Mitte des Sommers kam ihnen nun der Gang der Er-eignisse in verschiedenen Staaten in überraschender Weise zu Hilfe.Am 17. Juni wurde Prag von dem Fürsten Wiudischgrätz unter-worfen, und vom 23. bis 27. Jnni siegte Cavaignae in einerfürchterlichen Straßeuschlacht über das Pariser Proletariat. Damitbegannen in Österreich und Frankreich die alten Gewalten sichwieder auszurichten, uud das wirkte auf alle übrigen Länder zurück.Am 27. Augnst schrieb ein französisches Blatt republikanischerRichtung über Frankreich :Das ist nach fünf Monaten die Hinter-lassenschaft der Republik : zehntausend Menschen im Kerker/ derHunger in den Massen, die Verzweiflung dort uuteu, die Sorgeüberall, die Freiheit unterdrückt, der Ruhm fern, die Poesie, dieKünste, die Aufklärung erloschen: ein Parlament, das sich zerteilt,