Gerlach. Servile und Jakobiner.
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Besonders gefährlich war das Schmarotzertum, das im trübeilSchatten der Gewalt heranwuchs, und dann der Umstand, daß sichdie kleinsten und schwächlichsten Gesellen der herrschenden Klassejetzt für die Angst zu rächen suchten, die sie 1848 ausgestandenhatten. Das Volk war ihnen die Kanaille, die Bedürfnisse derBürger und Bauern ein Nichts. Als sich ein angesehener Mannbei dem Berliner Polizeipräsidenten v. Hinkeldey auf das Gesetzberief, da sagte Hinkeldey ganz offen: „Wie kann man jetzt und beisolchen Dingen von Gesetz sprechen!"
Man Pflegt vorzugsweise den Minister v. Westphalen für diesefrivole Verachtung des Rechts verantwortlich zu macheu, allem dieanderen, besonders der Justizmiuister Simons und der Finanzministerv. d. Heydt, trugen ähnliche Schuld. Die ganze Regierung warvon diesem Geiste der Gewalt erfüllt, und in der Schrift eineshohen richterlichen Beamten, die im Jahre 1861 erschien, wird dieSumme über diese Periode mit folgenden trostlosen Worten gezogen:
„Nach außen Feigheit und Verrat am deutschen Vaterlande,im innern Censur, Gesetzlosigkeit, Willkür; in der Religion Heucheleiund UnVersöhnlichkeit . . Die Justiz war zur unterthänigenDienerin der Polizei herabgewürdigt."
Nach Gerlach und Genossen gab es zwei Gegner der wahrenFreiheit und des Glückes für das Land, den Servilismus dereigentlichen Regierungspartei und den Jakobinismus uud Socialis-mus der Linkeu. Servil hießen ihnen die Konservativen, die demMinisterium auch dann beistimmten, wenn es gewisse Forderungender Junker ablehnte: ganz wie heute die Arbeiter den Streikbrecherals ehrlosen Feigling behandeln, weil er das Klasseninteresse ver-letzt. Gleichzeitig aber hielten sie sich für berechtigt, Landwehrleute,die einem liberalen Oppositionsmann die Stimme gaben, alsMänner zu behandeln, die ihren Fahneneid verletzt hätten. LiberaleOpposition gegen Regierungsvorschläge erklärten sie für ein Ver-brechen, junkerliche Opposition sür eine Pflicht und Ehrensache.
Ebenso roh war ihre Bezeichnung der Linken als Jakobinerund Socialisten. Man sehe sich doch die Männer an, selbst dieentschiedensten Führer Harkort, Vincke, Bethmann-Hollweg, vonPatow, von Schwerin, den Gerichtspräsidenten Wentzel nnd ihre