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Politische Geschichte Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert / von Georg Kaufmann
Entstehung
Seite
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Die Reaktion von 18501858, im besonderen in Preußen .

das Treiben am Hofe lehrreich ist. Mit Wissen des Königs korre-spondierte Gerlach hinter dem Rücken des Ministeriums und viel-fach in entgegengesetztem Sinne mit den auswärtigen Mächten.Der König führte so neben der amtlichen Politik durch dasMinisterium noch eine heimliche durch die Kamarilla, wie Gerlachsich und seine Freunde selbst nannte. Der MinisterpräsidentManteuffel und der französische Gesandte wer es zu erst that,darüber gehen die Nachrichten auseinander nahmen einenPolizeispion in Dienst, der sich durch einen Diener Gerlachs Ab-schriften der geheimen Korrespondenz Gerlachs mit Rußland ver-schaffte. Dabei hatte er auch jenen Bericht Lindenbergs gefundennnd einem hohen Beamten Abschrift gegeben. So kam der Briefzur Kenntnis des Prinzen und führte dann zur Aufdeckung desganzen Depeschendiebstahls. Im einzelnen ist manches dunkel ander Sache, im ganzen besteht kein Zweifel: Briefe Gerlachs selbstsprechen genng davon.

Obwohl nun die geheime Korrespondenz Gerlachs mit denfremden Staaten nicht nnr nnwidersprechlich erwiesen, sondern auchzur allgemeinen Kenntnis gebracht worden war, blieb das Mini-sterium trotzdem im Amt und Gerlach bei seinem Einflüsse.

Der Gegensatz der beiden Gruppen der Konservativen betrafhier die äußere Politik Preußens. Seit Olmütz war sie wieder durchdie Rücksicht auf Österreich und Rußland beherrscht: sie stand, wieBismark später urteilte, in einer Art Dienstbarkeit zu dem ZarenNikolaus, was besonders bei seinem letzten Besuche in Berlin imMai 1852 in einer das Gefühl aller selbständigen Natnren geradezuempörenden Weise hervortrat. Der Zar befahl beständig, als ober im eigenen Lande wäre. Sogar über die Tischordnung ver-fügte er und benutzte sie, um Strafen zu verhängen. Der Königaber ließ das nicht nur geschehen, sondern man merkte ihm an,wie er

sichtlich sich Zwang anthat und befangen war und mit entsetzlicher Dienst-beflissenheit alles that, was der Kaiser befahl. Diese Dienstbeflissenheit über-trug sich in immer steigender Progression ans alle preußische» Offiziere amHofe, so daß alles in einem Nennen und Laufen blieb, und man wirklichnieinen sollte, wir wären dem großen russischen Reiche als Sklavenstaat ein-verleibt. Die Umgebungen des Kaisers thaten nicht nur nichts, um dem