Brief des Papstes. Antwort des Königs.
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staatsfeindlicher Umtriebe sei, wie sie sich ähnlich jetzt in mehrerenanderen Staaten wiederholten. Er hoffe, der Papst werde nun,nachdem er von der wahren Lage unterrichtet sei, seine Autoritätgebrauchen, um der unter Entstellung der Wahrheit und Miß-brauch des priesterlichen Ansehens betriebenen Agitation ein Endezu machen. „Noch eine Äußerung in dem Schreiben Eurer Heilig-keit kann ich nicht ohne Widerspruch übergehen", sägte er mirSchlüsse hinzu, „die Äußerung nämlich, daß jeder, der die Tanseempfangen hat, dem Papste angehöre. Der evangelische Glaube,zu dem ich mich .. mit der Mehrheit meiuer Unterthanen bekenne,gestattet uns nicht, in dem Verhältnis zu Gott einen anderen Ver-mittler als unseren Herrn Jesum Christum anzunehmen."
Dieser Briefwechsel machte ein ungeheures Aufsehen. DieUltramontanen suchten den Brief des Papstes anfangs als eineFälschung zu erklären, das mußten sie aber bald aufgeben, undnun erhob sich das protestantische Bewußtsein allerorten gegensolche Anmaßung, und in England namentlich kam es zu dengroßartigsten Manifestationen. Man suhlte, daß der Kampf, denDeutschland kämpfte, von allgemeiner Bedeutung sei, daß er sürdie Selbständigkeit der staatlichen Gewalt überhaupt gekämpst werde.So beurteilte auch Bismarck die Sache von Anfang an. Es handlesich nicht um eine konfessionelle, sondern um eine politische Frage:„es handelt sich um den uralten Machtstreit, der so alt ist wie dasMenschengeschlecht, um den Machtstreit zwischen Königtum undPriestertnm". Von Anfang an erklärte er ferner, daß es in diesemKampfe, wie in jedem anderen Bündnisse, Waffenstillstände undFriedensschlüsse gebe. Er ließ keinen Zweifel darüber, daß der Staateinen Teil seiner Maßregeln nur als Kampfmittel betrachte, um diewiderstrebenden Kleriker zu zwingen, eine solche Abgrenzung derMachtbereiche anzuerkennen, „daß der Staat seinerseits dabei be-stehen" könne. „Denn in dem Reiche dieser Welt hat er dasRegiment und den Vortritt."
Freilich kam es auch zu Scenen leidenschaftlicher Heftigkeitund zu bitteren Worten. Namentlich als ein in den ultramon-tauen Vereinen und von der ultramontanen Presse aufgehetzterMensch Namens Kullmann in Kissingen am 13. Juli 1874 einen