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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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II. Die Klassiker.

engen Schultern und flacher Brust einen klugen Kopf ohne Gefühl undEinbildungskraft trug. Aber Füszli wußte doch, sich in den geistigenKreisen Londons seine Stellung zu machen. Cowper, der menschen-scheue, englische Übersetzer des Homer, der Befreier der englischenDichtung vom französischen Vorbild, sand in ihm einen gelehrtenKenner des klassischen Schrifttums, der zugleich von tiefem dichte-rischen Verständnis beseelt war. Dante, Shakespeare , Milton,Spencer bildeten die Welt, die seinen Geist beschäftigte; seine Lieb-lingsdichter zu illustrieren, war ihm eine Hauptausgabe des LebeuS.

Füszli ist eiu Mann voll inneren Lebens, voll innerer Ge-stalt. Gleich Carstens nicht zum Akademiker geboren, widerspracher eigentlich sich selbst, als er an des Klassizisten Barry StelleProfessor sür Malkunst an der Londoner Akademie wurde. Raunteer diese doch ein Zeichen des Elends der Kunst, hals er sich dochbeim Eintritts mit dem Witz, daß er niedrig genug von sich denke,um der Anstalt anzugehören. Thatsächlich hielt er sich so hoch,wie nur je Carstens, war er sich der Überlegenheit über die Eng-länder, die ihn nie ganz als den Ihrigen nahmen, bewnßt. Ihnstützte dabei das Gefühl von der wachsenden Größe des deutschenSchrifttums. Winckelmanns Schiller wurde der Vorkämpfer fürHerders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit; erbeteiligte sich wie sein Vater am Ansban der Kunstgeschichte, ergab in den Vorlesungen, die er an der Akademie hielt, einenÜberblick über das Werde» der Kunst in allen Ländern, die einMeisterwerk sind an Selbständigkeit, Krast und Sicherheit des Urteils.Rembraudt ist der rechte Maßstab dafür, inwieweit eine Zeitmalerische Werte zu schätzen weiß. Dem Mißversteheu Rembrandtsbei den deutschen Klassizisten steht das Verständnis Füßlis gegenüber.Goethe seierte Rembraudt wohl noch alsDenker". Denn im Alt-meister blieb der Znsammenhang mit dem Vergangenen noch lebhaft.Aber einer der Seinen, Johann Gottlob von Quaudt, konnte noch1853 die Begeisterung sür die Niederländer als eine Modethorheitverspotten. Er würde ihm nur dann genießbar erscheinen, wennman in der Malerei wie im Gesänge des Tones ohne Verständnis desInhaltes sich erfreuen könnte- er ist ihm ein Mann, dem im sinnlichEkelhaften und moralisch Empörenden allein gelinge, starke Wir-