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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Füßlis Stellung zur Kunstgeschichte.

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kungeu zu erzeugen; der selbst im Kolorit, der braunen Tinte de5Helldunkels, von Caravaggio übertrosfen werde; dessen Radierungenman nur in Kontur umzuzeichnen brauche, um zu sehen, daß er alsStecher nichts geleistet habe, als ein Spiel von Licht und Schatten.Tagegen sah Füßli die Kühnheit des Niederländers, mit der er sichselbst den Schlüssel zum Tempel des Ruhmes geschmiedet hatte. Rem-brandt ist ihm trotz der ungeheuersteu Mißgestalt und ohne Hinblickauf den Zauber seines Helldunkels, ein Genie ersten Ranges inallem, was irgend die Form betrifft, das nur mit Shakespeare ver-glichen werden kann. Er wisse in jeder Wüste eine BlumH zupflücken, das Zufällige zur Schönheit zu erheben, Kleinigkeiten Be-deutung zu geben. Bei allein Hange, sein sicheres Ange auf diekühneren Erscheinungeil der Natur zn hesten, wußte er doch ihrn ihre Ruhe zu folgen, selbst dem Unbedeutenden uud DürftigenWert zn geben. Ebenso steht Füßli zu Michelangelo . Dem stündigenGejammer der Zeit, daß diesen sein heftiges Genie verleitet habe, dieGrenzen der Kunst zu überschreiten, setzte Füßli die helle Freudeüber die Pracht im Entwnrs, die unendliche Mannigfaltigkeit undBreite entgegen; die Bewunderung der Große, mit der der Florentineralles, selbst die Mißgestalt erfüllte: Der Höcker des Zwerges hat beiihm den Anstrich der Würde, seine Weiber sind Sinnbilder der Ge-schlechtsvermehrung, seine Kinder tragen den Keim des Mannes infich, seine Männer sind vom Stamme der Riesen. So geht er dieReihe der großen Künstler durch als ein Meister der Darstellung,als ein Mann mit wahrhaft großartiger Auffassung und durchdie Begeisterung für das Selbständige geschärftem nnd vertieftemBlick. Sprach er gleich englisch, sprach er vor Engländern, sohaben wir Deutsche uns diese machtvolle Erscheinung doch nichtraube» zu lasseil, da seine Hörer sein innerstes Wesen nicht ver-standen, nur seine sprachlichen Fehler mit billigem Witz zu ver-höhnen wußten. Nur wenige haben in dem Sonderling eine tüchtigeNatur zu erkennen gewußt, deu Maun der uuter Genie die Kraft ver-stand, den Kreis menschlicher Einsicht zu erweitern, Neues in derNatur zu finden oder Gefundenes neu zu verwerten und in derSchönheit nicht die romanhafte Träumerei der Platonischen Philo-sophie, sondern das harmonische Ganze, das Zusammenstimmen der