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IV. Die Landschaft.
gerichtet scheine. Denn der Gelehrte ritt nicht mehr wie früherund hielt sich als Mann von Bildung für ganz erhaben über Leute,die das Vieh uicht mit Lessing als moralisches Wesen zu erkennengelernt hatten. Denn er selbst hatte sich aller ritterlichen Übung,aller Äußerung der Kraft entwöhnt, hielt die Kraft wohl für eineNotwendigkeit, ihre Anwendung aber im Gründe für gleichbedeutendmit Roheit.
Ähnliche Schlachtenbilder schuf man auch in Frankreich. HoraceVernet war dort im Schwünge. Das eigentliche Tierbild aber istenglisch . Dort hatte man zuerst etwas anderes im Pferd, imHunde, im Menschen wiedergefunden als der Fabeldichter, keinen ver-kleideten Menschen. Der Turf war der Platz, wo man das Pferdliebeu lernte. Auch Gericault, der französische Dnrchbrccher der^akademischen Gesetze, lernte aus dem Rennplatz zu Epsom demPferde die theatralische Maske abnehmen, mit der es Anteil nehmensoll am Schicksal seines Herrn. Welche Mühe hatte man sich gegeben,Napoleons Pferd bedeutend, dem Augenblick angemessen zu machen.Auf Davids Bild der Ritt über die Alpen sprüht es Begeisterung?in Gerards Schlacht bei Austerlitz stampft es des Feindes Waffennieder; in Gros' Bild der Schlacht bei Eylau schaudert es in winter-lichem Grauen; bei Charlet trauert es tiefsinnig nach der Schlachtbei Waterloo. Das war aber den deutschen Idealisten immer nochnicht genug der Gedanken selbst im Tier; immer noch galt diesals Realismus, als französische Schauspielerei. Die Engländer garwürdigte man nicht eines ernsten Blickes, obgleich alle Häuser inDeutschland voll waren von englischen Tierbildern, auch schou vorder Überschwemmung mit Stichen nach Landseer, dem großen Freundaller Jäger uud Landwirte; bis auf den heutigen Tag hält dieseFlut an: noch ist Landseer nicht überwunden! Jener Maler Werkeaber, die das Tier als Tier, mit freundlicher Liebe Wohl, doch nichtals ihresgleichen behandelten, blieben in Deutschland ausgeschlossenvon dem gebildeten Bürgerstand, wurden entweder den unteren oderden obersten Kreisen zugewiesen, denen man ja auch mit so tieferVerachtung den Stallgernch vorwarf. Man verstand vor lanterGelehrsamkeit uicht, wie viel näher einer antiken Weltauffassungder deutsche Adel stehe als der deutsche Universitätsprofessor und