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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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IV. Die Landschaft.

wird man vergeblich bei ihm suchen. Der .Leidenschaft gegenüberist er von vollendeter ^Unbeholfenheit; die Vornehmheit, der ge-schlossene Ernst nnd die ihres Wertes bewußte äußere Würde sindihm unbekannt; die Liebe ist fast nur ein Liebeln. Und dochstrahlt von dem überschlankcn, die Spuren der Jugendentbehrungennie ganz verwindenden Mann ein milder Glanz und eine wohl-thuende Wärme wie vou einem der alten Kachelöfen, die er sogern als Mittelpunkt des deutschen Hauses zu zeichnen liebte. Wohlist seine zeichnerische Knnst überschätzt worden, sie ist liebenswürdig,aber arm an Mitteln zum Ausdruck, fällt leicht in Härten undauch ins Leere nnd doch ist er der vollendetste Ausdruck einerfür unser Volkstum wichtigen Zeit. So sah es im Hause desVolkes aus, das auf Erden wenig, im Reich der Gedanken so vielzu befehlen und zu wirkeu hatte. Das ist die Grundlage derLebensauffassung, aus der heraus wir Deutsche unsere Einheit ver-loren und unsere Kultur erobert haben. Diese Knnst mußte freilichdahingehen, seitdem unser ganzes Leben sich änderte. Ich erinneremich auch sehr wohl, wie ich als junger Bursch Richter liebte, wieich aber lange Zeit brauchte, um mich der alten Liebe auch rein zu er-innern, nachdem ich aus dem französischen Feldzug heimgekehrt war.Draußen war ich wahrhaftig uicht gebildeter geworden, aber ichhatte das Leben männlicher auffassen gelernt. Ich hatte lachengelernt über die, welche uns weis machen wollten, daß unsere Zeitmehr Idealismus uötig habe. Wir, vom Schützenzug der 10. Kom-pagnie des 95. Infanterieregiments, wußten das besser als allePhilosophen der Welt! Man brauchte uicht kindlich zu sein, umnaiv, und nicht klassisch, um erhaben zu empfinden. Wir hattendas Leben anfassen gelernt dort, wo es heiß und einfach schlägt:bei der That!

Seine eigentliche Lebensausgabe sah aber auch Richter nichtin den liebenswürdigen kleinen Zeichnungen, sondern in seinengeschichtlichen Landschaften, in denen so viel Sorgfalt für dasKleine, für das singende Vögelchen im Geäst des Baumes, auf daslauschende Häschen im blumigen Grase verwendet ist, und die dochall das durch die Innigkeit der Gesamtliebe für die Gottesnaturso trefflich zusammenzuhalten weiß. Man wirft den Bildern gern