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V. Die Romantiker.
jeder Vorwurf einfach Barbarei wäre. Hier, wo nicht die Formenentscheiden, die jeder zu bilden lernen könne, sondern der Geist,der Inhalt spreche, hier sprudelt Kotzebue in Begeisterung. Nichtum die Welt, ruft er aus, möchte ich die Gabe besitzen, alle Fehlergleich auf den ersten Blick zu erkennen! Sie sei der Fluch derKünstler. Sie entstehe lediglich aus Eitelkeit. Wer, wo alle loben,alle hingerissen werden, noch viel zu tadeln findet, so höhnt er,der müsse wohl ein gewaltiger Kenner sein!
Das Spaßige an der Sache ist nur, daß Kotzebue nicht merkt,wie er sich selbst das Urteil spricht. An dem, was ihm nicht ge-fällt — da ist natürlich das Finden der Fehler ein Zeichen vonSelbständigkeit, das Loben erkünstelte Begeisterung. Und es gefälltihm in Italien herzlich wenig, er lobt sich am Schluß sein Ruß-land , wo nicht alte Kunst zu finden, aber ein Morgen junger Kunstanbreche, wo das sanfte Szepter des Enkels der großen Katharinadas Leben wahrhaft zum Genuß mache. Denn, wie stets derFlache, ist auch er über die Dummheit uud Unfähigkeit der anderenerstaunt. Was er nicht begreift, ist Unsinn. Der katholische Gottes-dienst ist ihm eine Narrheit, das „Heiligengesindel" ihm im Grnndder Seele zuwider. Seine Zeit, sein Geschmack ist der Höhepunktdes bisher Erreichten. Man glaubt einen modernen Zeitnngs-menschen zu hören: Die uud jene Sache mißfällt mir; also ist'seine Thorheit, sie schön zu finden, ist's unbegreiflich, verdient eseine entschiedene Rüge! Denn was mißfällt, kann doch nicht schönsein! Kotzebue findet »an Michelangelos Moses nichts Großes alsdie Größe; man denke ihn verkleinert und er wird sehr unbedeutendsein; er ist schmal geschultert, dickbäuchig, durch seinen abscheulichenMarmorbart vollends unausstehlich. Gebildete Männer trugen be-kanntlich damals keine Bärte. Cellinis Perseus findet er so steif,wie die Goethische Schule es von großen Kunstwerken fordere;Donatello ist unbedeutend; in Fra Angelicos Bildern sieht er nurkrasseu Aberglauben.
Ich entlehnte Kotzebues Reisebeschreibung der Dresdner öffent-lichen Bibliothek. Sie war ganz zerlesen. Die Herzensergießnngeneines knnstliebendcn Klosterbruders, die als Zeugen des neuen Geistesder Romantik so oft angeführt werden, sind dort noch nicht einmal