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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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197
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Kohebue,

Goethe und die Prärafaeliten,

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gebunden. Die leichte Heftung des litterargeschichtlich so berühmtenWackenroderschen Buches hat ein Jahrhundert Benutzung zu über-dauern vermocht!

Erstaunt sah man im Rate der Kunstfreunde in Weimar ,daß es Menschen gab, die mit den redlichen, wohl überlegteu Ab-sichten Goethes uuzufrieden wären; daß die Belehrungen, die manvon dort ausstreute, geradezu als Benachteiligungen der Kunsterklärt wurden; daß Leute auftraten, die überhaupt bezweifelten,die Kunst könne durch Wissen gefördert werden, verständige Lente!Es giebt ein totes Wissen, sagte der gelehrte Arzt Carus, einWissen des Buchstabens und nicht des Lebens: dies ist der Mehltaufür die Künstlernatur; damit verschone man sie auf alle Weise!Ähnlich äußerten sich die Künstler über die Akademien. Und anderetraten ans, die geradezu den Kunstfreunden die Schuld für denNiedergang der Kunst zuschoben. Die Zeit, sagte Görres 1808,sieht jedem Neueu, kräftig Auftretenden gegenüber nach jenen,die sich als Wortführer aufwarfen, und die nun selbst in Dünkel,Hoffart und Parteigeist sich so in sich selbst verzwickt und verrenktund verschoben haben, daß sie wie jene scharf geschliffenen Spiegelaus der Fratze ein gewöhnliches Bild zusammen schiebeu, das lieblichhold ihre Eitelkeit anlächelt, und die schöne Form in Fratze um-kehren. Jedermann, der dies las, wußte, daß es auf Goethe ziele.

Zu tief war den Künstlern der Gedanke eingeprägt, daß dieNachahmung den Weg zur Freiheit öffne. Wo die Unzufriedenheitmit der Kunst zum Bewußtseiu kam, begann sie mit der Kritikder älteren Meister, mit der Ablehnung als ungeeignet erkannterVorbilder und der Aufstellung neuer. Man kam auf die Deutschenund Italiener der Frührenaissance, seit der Jugend der Sinn fürfleißiges Naturstudium im einzelnen geweckt war. Bei ihnen, diedie meiste Durchbildung vorwiesen, fand man zunächst das tech-nische Vorbild, die Klarheit in der Behandlung der Dinge hinterund nebeneinander, die Fähigkeit, der Natur soweit nachzugehen,als die Schärfe des Auges reichte, und doch in einer Bildwirknngzu bleiben. Zudem erkannte man, daß selbst das Große, Haupt-sächliche anders erfaßt war als in der späteren Renaissance. Daßeine Hand, ein Kopf nicht nnr in den Massen richtig, sondern in