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V. Die Romantiker.
jedem Gliede ausdrucksvoll gebildet war. Wer redlich nach derNatur zeichnete, mußte zu ähnlichen, härteren, entschiedeneren Linienkommen, diese also eigentlich als Wahrheit empfinden; die Lüge aberberuhe in der Weichheit und der Verallgemeinerung der späterenKunst. Langsam, erst schüchtern, dann immer lauter erfolgte dieAbsage an Correggio und seine nun als falsch erkannte Anmut,an Tizian und seine als der Natur widersprechend erklärte Ton-fülle, endlich an Rafael selbst, den Fürsten der Maler. Die Zeitder Prärafaeliten begann.
Auch die Weimarischen Kunstfreunde mußten anerkennen, daßes den meisten zeitgenössischen Kunsterzeugnissen am Natürlichen,Innigen, Gemütlichen und zart Empfundeneren mangle. Sie ver-standen, weshalb die Neigung zur naiven Einfalt der florentinischenMeister erwachte, ja fortdauerte. Aber einen Nutzen sür die Kunstsahen sie nicht darin, weil diese rohe Unschuld mit den sonst vomKünstler geforderten schönen Formen, mit edlen Charakteren unddem gebildeten Geschmack unvereinbar sei. Sie sahen wohl denGeschmackswandel selbst in der Beurteilung des Alten. Der Antinons>Apoll vom Belvedere, die Ringer traten in der Schätzung hinterden Kolossen vom Monte Cavallo, hinter der Juno Ludovisi,Rafael hinter Lionardo und Michelangelo zurück; ja dessen Jugend-werke wurden über die reifen gestellt wegen ihrer zarten, innigenEmpfindung, der anspruchslosen, unübertrefflichen Wahrheit derDarstellung.
Und doch konnte man sich in Weimar nicht wohl vorstellen,und überall, wo gelehrte Ästhetiker saßen, ebensowenig, daß die Welteinen Schritt nach rückwärts thun werde, daß sie nach Dingen greife,die der gebildetere Geschmack, wenn nicht verabscheue, doch be-lächele. Hatte sich bei Goethe selbst die Begeisterung für dasCharakteristische abgeklärt, so mußte der Alternde von der Nationgleiche Weisheit erhoffen. Wer alle die Eroberungen geringschätzt, sagt er, welche mächtiger Geister unsägliches Forschen unddenkender Fleiß für das Gebiet der Kunst gemacht, wer bloß auseinem verworren gefühlten Bedürfnis von Einfalt und Naivetätin den mehr oder minder rohen Anfängen der Kunst die ganzeKunst schon vollendet erblicken will und durch Annäherung an die