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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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V. Die Romantiker.

herantreten solle, die Spur von Gottes Finger in der Kunst er-kennend. Das Schaffen des Künstlers geschehe nicht in klügelnderErfüllung von Regeln, sondern in einem angenehmen Traum, indem er an den Gegenstand mehr denkt, als daran, wie er ihn vor-stellen möchte. Die Art zu maleu habe ihm die Natur eingepflanzt,sie sei nicht dnrch sauren Schweiß errungen; ihm schweben die Ge-stalten vor der Seele und er schreibe sie für sich zu seiuer Er-götzung nieder. Das Werk müsse der Künstler in sich antreffen,nicht erst mühsam draußeu suchen. Wackenroder dringt darauf,daß der Künstler seine Seele, nicht sein Wissen bereichere, innerenReichtum zu erringen snchc. Lionardo da Vinci , thatsächlich einehöchst unpassende Wahl für den Vorkämpfer weicher Empfindungs-seligkeiten, wird wegen der Vielseitigkeit seines Schaffens, wegen desdarans sich ergebenden Beherrschens des rein Technischen der Kunstgepriesen. Denn dem wahrhaft Tiefen fällt das Können von selbstzu. Lcssing suchte uach Grenzen der Kunst; in Goethe wirktdies weiter, indem er erklärt: Die Vermischung der verschiedenenArten der Kunst sei das beste Kennzeichen des Verfalles, Pflichtdes echten Künstlers sei, sein Knnstsach von andern abzusondern,jede Kunstart aufs möglichste zn isolieren, um sie somit be-herrschen zu können. Die jnnge Romantik meinte aber, das Be-herrschen des Kunstfaches käme von selbst, wenn die Kunstbcgeisterungin die Seeleu eingezogen sei; der Künstler solle alle Knnst imBusen tragen, um aus der Kraft der Beseligung ein Vollwerk zeugenzu könuen.

Wenn eines fruchtbar war an den Herzensergießnngen, so dieErkenntnis, daß es nicht nur eine Schönheit gebe. Ahndet euchin fremde Seelen hinein, rnft Wackenroder den blöden Kritikern zu,und merket, daß ihr mit eueru verkannten Brüdern die Geistes-gaben aus einer Hand empfangen habt; daß jedes Wesen nur aussich Heransschaffen, daß man sich in Fremdes nicht hineinfühlenkann. Da hilft nicht das System, das aus einseitigem Empfindenfür das Schöne hervorgeht, es läßt sich doch nicht auf andereübertragen. Systcmglaube ist schlimmer als Aberglaube. Maumüsse die Bedeutung, die Gedanken, die Seele der Bildwerke prüfen,nicht die Form; wie ein Weiser die Rede nach dem Wert des In-